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Anima und Animus

Die „bessere Hälfte" im Unbewussten

In der psychologischen Literatur werden Anima und Animus immer wieder in Zusammenhang mit dem „Kampf der Geschlechter" zitiert. Die wahre Bedeutung dieser beiden Grundbegriffe der Psychologie C.G. Jungs besteht jedoch darin, daß die Geschlechter einander ergänzen und miteinander leben.

Im Artikel „Carl Gustav Jung - ein Pionier der Psychologie" wird eine Einführung in die Archetypen „Animus" und „Anima" präsentiert. Wir empfehlen seine Lektüre, bevor Sie sich diesem Artikel zuwenden.

 

Die Anima

Sie entwickelt sich im Unbewußten des Mannes in der Auseinandersetzung und den unzähligen Begegnungen mit der Mutter. Jung nennt sie auch ein „vererbtes psychisches Anpassungssystem", denn jeder Mann trägt das Bild der Frau von jeher in sich, nicht das Bild dieser bestimmten Frau, sondern einer Frau. Dieses Bild ist ein Niederschlag aller Eindrücke des Weiblichen an sich, ein Archetypus von allen Erfahrungen der Ahnenreihe von weiblichen Wesen.

Männer erleben diese verborgene und unbewußte Weiblichkeit in ihren Projektionen auf ganz bestimmte Frauen, wie z.B. auf die Mutter, die Gattin oder Partnerin, die Geliebte, die Schwester, die Hure und viele andere weibliche Gestalten. Außerdem finden wir zahlreiche Erscheinungsbilder der Anima in den Märchen, Mythen, der Literatur und in den Religionen, wie z.B. Elfen, Feen, Hexen, Königinnen, Göttinnen, Jungfrauen, Amazonen und Gefährtinnen. Die Anima kann jedoch auch auf Gegenstände projiziert werden, z.B. auf die Kuh, eine Katze, eine Höhle usw. Ein Schiff wird auch oft als „sie" bezeichnet, der Kapitän ist symbolisch „ihr" Ehemann, weshalb er wohl auch mit ihr untergehen muß, wenn „sie" sinkt.... Ein Auto ist ein weiteres Stück Besitz, der gewöhnlich als weiblich betrachtet wird, d.h., es kann der Brennpunkt von Animaprojektionen vieler Männer werden. Manchmal werden sie gestreichelt und verwöhnt und gepflegt, wie eine „anspruchsvolle Geliebte".

Es gibt zahlreiche Mythen, Märchen und Erzählungen, in denen ein Mann oder Held eine Prinzessin oder eine andere weibliche Gestalt z.B. aus den Fängen eines Drachen oder aus den Händen einer Hexe (Rapunzel) befreien muß. Die Jungsche Psychologie deutet dies als die Freilegung der inneren weiblichen Natur des Mannes, die erst erobert werden muß, um bewußt integriert werden zu können, was dann als „Hochzeit" von Held und erlöster Frau seinen Ausdruck findet.

Die Anima spielt eine sehr wichtige Rolle bei der Ganzwerdung des Mannes, stellt sie doch alle weiblichen Seeleneigenschaften dar, die das Wachbewußtsein von sich aus nicht so ohne weiteres hat, wie z.B. Stimmungen, Gefühle, Ahnungen, Empfänglichkeit für das Irrationale, persönliche Liebesfähigkeit und Natursinn. Ihre wichtigste Funktion ist die einer Brücke zum Unbewußten, d.h., die Anima ist die innere Wegleiterin, die zu den verborgenen inneren Tiefen vordringen kann. Bei Anima und Animus treten zwei Grundformen auf: die „lichte" und „dunkle" Figur, mit negativem oder positivem Vorzeichen.

 

Die vier Stufen der Verwirklichung der Anima

Die Entwicklung der Anima verläuft meistens in den folgenden vier Stufen, die jedoch nicht zeitlich genau nacheinander folgen müssen:

 

1. Der Mann kann seiner weiblichen Seite in allen naturhaften Zuständen begegnen, wie z.B. in primitiven oder sexuell aufreizenden Frauen. Dies wird mythologisch z.B. im Bild der Eva symbolisiert, als reine biologische Bezogenheit.

 

2. Die nächste Stufe wären besonders erotisch anziehende Frauen, verbunden mit romantischen Schwärmereien und idealisierter Schönheit, wie z.B. Fausts Helena.

 

3. Ein dritter Aspekt der Anima ist eine vergeistigte und spirtualisierte Form, wie sie z.B. in der Jungfrau Maria erscheint.

 

4. Die vierte Ausprägung des Seelenbildes erscheint in der vergöttlichten Frau, wie z.B, in Athene als Göttin der Weisheit, oder als personifizierte Weisheit wie Sophia oder Sapientia.

 

Die dunkle Seite der Anima

Wenn die weibliche Seite im Mann nicht oder nur wenig integriert ist, dann äußert sich der „dunkle" Aspekt der Anima, indem plötzlich „typisch weibliche" Verhaltensweisen auftreten wie z.B. der launische und überempfindliche Mann,

beherrscht von weiblichen Trieben und geleitet von Emotionen, reizbar, unbeherrscht und von Ressentiments verfolgt. Dies ist der Fall, wenn der Mann seine Mutter als negativ erlebte. Diese Anima wird ihm ständig zuflüstern: „Ich bin nichts" - „Es hat keinen Sinn" - „Nichts macht mir Freude", usw. Ständige Angst vor Krankheiten, Impotenz oder Unfällen werden von ihr erzeugt und überhaupt ein düsterer Aspekt des Lebens konstelliert.

Oder der Mann wurde als Kind sehr verwöhnt und verhält sich dem Leben gegenüber wie ein Junge, der mit der Mutter in die Konditorei geht, nämlich: „Ich möchte dies, hätte gern das" - ganz ohne eigene Bemühungen. Das Leben sollte ihm alles wie eine warme liebende Mutter schenken, und wenn dies nicht geschieht, reagiert er mit Wehgeschrei oder Trotz. Dies kann sogar zu einer sogenannten „Anima-Besessenheit" führen. Sie bewirkt eine unangepaßte Verweiblichung des Mannes, welcher entweder in weiblicher Rolle homosexuell werden kann oder an harte, männlich kalte Frauen gerät. In dem Kinofilm „Der bewegte Mann" ist es amüsant zu sehen, wie Homosexuelle, die den Frauen eher ablehnend gegenüberstanden, sich selbst als Frauen „verkleideten" bzw. sich sehr „gänschenhaft" und „weibchenmäßig" verhielten - natürlich im Film überspitzt dargestellt, aber trotzdem eine sehr gute Studie über „Anima-Besessenheit".

Andererseits zeigt sich die fehlende Integration der Anima in der starken Anfälligkeit der Männer für „schöne Kurven", Pornographie, Striptease usw. Oder man sieht, wie ein Mann einem bestimmten Frauentypus oder einer bestimmten Frau blind verfällt, wie z.B. der hochgezüchtete Intellektuelle, der sich an eine Dirne verliert.

 

Die lichte Seite der Anima

Die Anima entspricht aber nicht nur der „Schlange", jener im Dunkel des Unbewußten lauernden Triebgefahr, sondern kann und soll jenen Aspekt des Unbewußten verkörpern, der nicht hinab-, sondern hinanzieht. So kann die Anima die weise, lichte Führerin des Mannes sein, die „femme inspiratrice", also die wahre inspirierende Kraft, welche die männliche Aktivität anregt und Impulse gibt. Die Anima kann also auch das Bessere wollen und wird dann als führendes höheres Wesen empfunden, als Schutzgeist oder Genius im Sinne des sokratischen Daimonion.

Die Anima entspricht der Fähigkeit der Intuition, der direkten Verbindung zu höheren kosmischen Bereichen. Sie ist gut dargestellt in der Göttin Athene, der Göttin der Weisheit und des intelligenten Krieges - der geistigen Auseinandersetzung. In der griechischen Kultur spielten die neun Musen eine wesentliche Rolle, die Künstler und Wissenschaftler inspirierten und ihnen einen Zugang zu den eigenen schöpferischen inneren Kräften erschlossen.

In der Zeit des Rittertums und seines Frauen- oder Minnedienstes konnte der damalige Mann seine weibliche Seite sowohl in seiner Beziehung zur wirklichen Frau wie zur Innenwelt zu entwickeln versuchen. Die Dame, welcher der Ritter seine Dienste weihte, bedeutete ihm die Personifikation der Anima. Die Trägerin des heiligen Grals in Wolfram von Eschenbachs Gralsepos trägt einen bezeichnenden Namen: Conduiramour - Führerin in Liebesdingen. Wie wir oben gesehen haben, stellt die Anima das „Eros-Prinzip" dar, jene Kraft der Harmonisation oder Verbindung, der Platon sein Werk „Das Gastmahl" widmete (siehe auch Artikel „Die Suche nach der verlorenen Hälfte"). Platon sagt, der Eros sei die Begierde und Jagd nach der Ganzheit, und er sei es, der uns in die uralte Natur zurückversetze und uns heil, selig und glücklich machte.

 

Der Animus

So wie die Anima die weibliche Seite im Mann darstellt und, laut Jung, das gesamte Unbewußte des Mannes weiblich gepolt ist, ist bei der Frau das Unbewußte männlich gepolt, und der Animus stellt die männliche Seite in der Frau dar, oder das Logos-Prinzip. Logos meint in diesem Zusammenhang Erkenntnis, Urteil, Unterscheidungsvermögen und Vernunft.

Ähnlich wie die Anima des Mannes durch die Erfahrungen mit der Mutter geprägt wird, geschieht dies beim Animus durch den Vater der Frau oder durch andere männliche Vorbilder. Neben diesen prägenden Faktoren ist der Animus auch ein eigenständiges Prinzip in der Frau, so wie die Anima im Mann. Jung nennt ihn auch einen inneren Seelenführer, den „Vermittler zwischen Bewußtsein und Unbewußtem und eine Personifikation des Unbewußten".

Die Vielfalt der Erscheinungsformen des Animus (und natürlich auch der Anima) ist fast unerschöpflich. So kann sich der Animus z.B. in Dionysos oder anderen Göttern widerspiegeln. Auch der Ritter Blaubart, der Rattenfänger wie auch der Fliegende Holländer oder Siegfried auf einer gehobeneren Ebene, der Boxchampion Mike Tyson oder der Filmstar Rudolfo Valentino auf einer niedrigeren, primitiveren Ebene sind Ausprägungen des Animus. In geschichtlich besonders bewegten Zeiten wird der Animus auch auf einzelne Politiker oder Heerführer projiziert. Aber auch durch Tiere oder Gegenstände speziell männlichen Charakters, wie z.B. als Adler, Stier oder Löwe, als Lanze, Turm oder irgendein sonstiges phallisches Gebilde kann der Animus in Erscheinung treten.

Frauen erleben diese verborgene und unbewußte Männlichkeit in ihren Projektionen auf ganz bestimmte männliche Wesen in ihrer Umgebung, wie z.B. auf den Vater, den Ehemann oder Partner, den Geliebten, den Bruder, den Pfarrer, Chef und viele andere Männer, was man als „äußere Erscheinungsform" des Animus bezeichnen kann.

Wie die Anima in verschiedenen Mythen, Märchen oder auch in Traumfiguren erscheint, so auch der Animus, was man dann als „innere Erscheinungsform" bezeichnet. Wir alle kennen das Märchen vom Froschkönig, wo ein Prinz in ein Tier verwandelt und von einer Frau erlöst wird. Sehr bekannt ist auch die Geschichte „Die Schöne und das Biest". Die werdende Frau wird zum Mann hingezogen, gleichzeitig scheut sie vor ihm zurück, denn das Männliche erscheint ihr anfangs unheimlich. Das Märchen „König Drosselbart" beschreibt, wie eine Prinzessin ihren Hochmut und ihre Eitelkeit, also die Überschätzung von materiellem Besitz und äußerer Schönheit aufgeben muß und durch Armut eine innere Verwandlung erlebt, wo sie dann den Blick für das Wesentliche bekommt und die rechte Unterscheidungskraft gewinnt.

 

Die vier Stufen der Verwirklichung des Animus

Auch beim Animus hat Jung vier verschiedene Erscheinungsformen festgestellt.

1. In vielen Träumen, Filmen oder Romanen gibt es den körperbetonten Helden und den naturhaften Mann, wie z.B. den Dschungelhelden Tarzan, den Actionhelden Schwarzenegger, Sporthelden, usw. Hier steht die physische Kraft im Vordergrund.

 

2. Auf der zweiten Stufe besitzt der Animus Initiative und gerichtete Tatkraft, er kann ein „Mann der Tat" sein, wie ein Kriegsheld, Agent, Jäger, usw. Oder auch der „romantische" und zärtliche Mann, Dichter, Schriftsteller, Musiker, usw.

 

3. Eine dritte Erscheinungsform ist der Animus als „Wort", und er projiziert sich oft auf geistige Größen, wie z.B. Arzt, Pfarrer, Professor, ein großer politischer Führer. Manchmal kann der Animus auch in Gestalt „heiliger Überzeugungen" von einer Frau Besitz ergreifen, wie z.B. bei Jeanne d‘Arc.

 

4. Der vierte Aspekt erscheint in weisen Männern oder dem „alten Weisen" als archetypisches Bild der Weisheit. Er wird zum Sinn und zum Vermittler schöpferischer und religiöser innerer Erfahrungen, durch die das Leben einen individuellen Sinn findet. Er erscheint auch als der weise Führer zur geistigen Wahrheit, was beispielsweise auf Mahatma Gandhi projiziert wurde.

 

Die dunkle Seite des Animus

Wenn eine Frau ihre männliche Seite nicht erkennt und ins bewußte Leben und Denken zu integrieren versucht, kann es leicht sein, daß diese sich unkontrolliert äußert. Dann finden wir eine alles besser wissende, räsonnierende, auf männliche Weise und nicht instinkthaft reagierende, animus-besessene Frau. Oder eine Frau gerät unbegreiflicherweise an einen Hochstapler, Heiratsschwindler oder Abenteurer und kommt nicht mehr von ihm los.

Die Lieblingsthemen, die der Animus der Frau in ihrem Inneren aufdrängt, lauten etwa so: „Ich suche doch nichts als Liebe, aber »er« liebt mich nicht." Oder: „Es gibt nur zwei Möglichkeiten in dieser Situation", welche natürlich beide unerfreulich sind. Man kann dem Animus selten widersprechen, denn er hat sowieso immer recht, nur fußt seine Meinung gerade nicht auf der aktuellen Lage. Er äußert meistens scheinbar vernünftige Ansichten, die jedoch leicht daneben treffen. Der Vater gibt dem Geist der Tochter die spezifische Färbung jener erwähnten undiskutierbaren Ansichten, die so oft die Wirklichkeit der Tochter verfehlen.

In Mythen tritt er als schöner, unbekannter Wanderer auf, der die Frau von allen menschlichen Beziehungen weglockt und besonders von der Liebe zu einem wirklichen Manne abhält. Ein träumerisches, lebensfernes Gedankengespinst voller Wünsche und Urteile, wie die Dinge sein „sollten", verhindert jeden Kontakt mit dem Leben. Der negative Animus kann als Tod, als Räuber und Mörder auftreten. Er verkörpert dann jene halbbewußten kalten, ruchlosen Überlegungen, welche sich manche Frauen in „stillen Stunden" gestatten, Gedanken über die Verteilung des Erbes in der Familie, intrigante Pläne, usw.

Auch eine seltsame Gefühlslahmheit, eine tiefe Selbstunsicherheit kann das Werk eines nicht erkannten Animus-Urteiles im eigenen Inneren der Frau sein. In der Tiefe flüstert dann der Animus der Frau zu: „Du bist ein hoffnungloser Fall, wozu versuchen? Es nützt doch alles nichts. Dein Leben kann und wird nie anders werden."

Diese Figuren oder Stimmen in unserem Unbewußten können so stark sein, daß man meint, man selbst habe solche Gedanken oder Gefühle. Das Ich fühlt sich oft so identisch, daß es sich nicht mehr objektiv mit ihnen auseinandersetzen kann. Erst im Nachhinein merkt man, daß man Dinge getan oder gesagt hat, die man gar nicht wirklich wollte oder fühlte.

 

Der Animus in seiner lichten Form

Natürlich äußert sich der Animus auch in guten Eigenschaften. Er besitzt eine ungemein positive und wertvolle Seite, wo auch er, wie die Anima, eine Brücke zum Erleben des Selbst schlagen und schöpferisch wirken kann. Er verwandelt sich in einen „inneren Gefährten" von höchstem Wert, der der Frau hilfreiche männliche Eigenschaften wie Initiative, Mut, Objektivität und geistige Klarheit verleiht. Als Vermittler zwischen Bewußtsein und Unbewußtem liegt beim Animus, dem Wesen des Logos gemäß, der Akzent auf dem Erkennen, und besonders auf dem Verstehen. Es ist mehr der Sinn, den er zu vermitteln hat, als das Bild. Es ist daher eine wichtige Funktion des höheren, d.h. überpersönlichen Animus, daß er als wahrer Psychopompos (Seelenführer) Wandel und Verwandlung der Seele leite und begleite. In Ägypten wurde diese Funktion des Seelenführers und des Schützers der Seele - sowohl auf ihrem Weg durch die Unterwelt nach dem Tode als auch während des Lebens der geistigen Entwicklung in der Jüngerschaft einer Mysterienschule - dem Gott Anubis zugeschrieben. In Griechenland hatte Hermes ähnliche Bedeutung.

Der Animus kann die Frauen dann auch mit dem geistigen Zeitgeschehen verbinden, wobei Frauen oft neuen schöpferischen Ideen gegenüber aufgeschlossener sein können als die Männer, weshalb sie von jeher als zukunftsweisende Mittlerinnen zur Welt des Geistes eingesetzt wurden. Der schöpferische Mut zur Wahrheit ihres Animus wagt es, neue Ideen auszusprechen, welche den Mann zu neuen Unternehmungen anzuregen vermögen. Oft haben in der Geschichte Frauen neue geistige Inhalte früher in ihrem Wert erkannt als die gefühlsmäßig konservativeren Männer. Dem Wesen der Frau liegt das Irrationale näher, so daß sie sich neuen Inspirationen des Unbewußten besser öffnen kann, und gerade die Tatsache, daß Frauen weniger am öffentlichen Leben teilnahmen, machte es ihnen möglich, daß ihr Animus als „verborgener Prinz" im Dunkel des privaten Lebens, also im Freundeskreis und bei persönlichen Beziehungen, Gutes bewirken konnte.

In früheren Zeiten sind es die Frauen als Prophetinnen und Orakelpriesterinnen gewesen, denen neue Wahrheiten bewußt wurden und die sie auch ausgesprochen haben. Jede Frau heute kann genauso an ihrer Ganzwerdung und Individuation arbeiten und durch den Animus ihre tiefere Wahrheit und neue Ideen erfahren.

 

Die „heilige Hochzeit"

Wenn man die volle „Realität alles Psychischen" anerkennt, wofür Jung in seinem Wirken und Schaffen plädierte, dann eröffnet sich uns eine neue, tiefe Dimension des menschlichen Lebens. Und diese kann eine der faszinierendsten und wohl auch schwierigsten Künste der Menschheit, die Kunst des Zusammenlebens, erleichtern und vertiefen.

Haben wir es geschafft, unseren gegengeschlechtlichen Part, also die Anima oder den Animus, in uns zu erkennen, dann werden wir in unseren partnerschaftlichen Beziehungen eine neue, ungeahnte Tiefe erleben können. Jung sagt, daß wir interessanterweise unsere Partner zumeist so wählen, daß sie für den uns unbekannten unbewußten psychischen Persönlichkeitsteil stehen.

„Ist dieser einmal bewußt gemacht, dann schiebt man nicht mehr die eigenen Fehler auf den weiblichen bzw. männlichen Partner, d.h. die Projektion wird aufgehoben. Dadurch wird aber eine Menge psychischer Energie, die bis dahin in der Projektion gebunden lag, zurückgenommen und kann dem eigenen Ich zur Verfügung gestellt werden."

So kommt man zur wahren Selbsterkenntnis, zur echten Individuation.

„Hat man das Gegengeschlechtliche in der eigenen Seele durchschaut und bewußt gemacht, so hat man sich und seine Emotionen und Affekte weitgehend in der eigenen Hand. Das bedeutet vor allem wirkliche Unabhängigkeit, wenn auch gleichzeitig Einsamkeit - jene Einsamkeit des »innerlich freien« Menschen, den keine Liebesbeziehung oder Partnerschaft mehr in Ketten zu schlagen vermag (...) Auch »verliebt« wird ein solcher Mensch kaum mehr sein können, denn er kann sich an keinen anderen mehr verlieren; er wird aber um so tieferer »Liebe« fähig sein im Sinne einer bewußten Hingabe an das Du (...) Die Vermählung mit dem Gegengeschlecht zielt nämlich in der ersten Lebenshälfte vor allem auf die körperliche Vereinigung, um das »leibliche« Kind als Frucht und Fortsetzung entstehen zu lassen; in der zweiten Lebenshälfte jedoch geht es dabei in erster Linie um die psychische »coniunctio«, (...) damit dem geistigen Kind zur Geburt verholfen und dem geistigen Sein beider Frucht und Dauer verliehen werde. (...) So ergänzen sich die zwei Geschlechter in einer glücklichen, naturgegebenen Wechselwirkung nicht nur auf der Ebene des Körperlichen, sondern auch in jenem geheimnisvollen bilderträchtigen Strom, der die Tiefen ihrer Seelen durchflutet und miteinander verbindet."

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen fruchtbare geistige Beziehungen, und mögen Sie in der Verschiedenartigkeit der Menschen immer die Möglichkeit der Ergänzung und Komplementarität erblicken. Es ist in unserer Welt schon so viel Blut geflossen, nur weil die Menschheit noch immer nicht erkannt hat, daß Anderssein keine Bedrohung bedeutet, sondern eine wunderbare Möglichkeit, das Spektrum der Schöpfung in allen Facetten und Schattierungen zu verwirklichen. Und wagen wir uns an unseren inneren „Mikrokosmos", in dem die Urdualität des Universums waltet, damit wir durch das Prinzip der Analogie auch das „makrokosmische" Wirken von Urgeist und Urmaterie erkennen können. Indem wir das Zusammenspiel der beiden Kräfte beobachten lernen, werden wir auch die Urkraft dahinter, das „zentrale Feuer", das, was auch Gott genannt wurde, erahnen.

 

Literatur

  • Laotse: Tao te King, Diederichs 1998

  • Kybalion, Akasha 1997

  • Platon: Das Gastmahl oder von der Liebe, Reclam 1979

  • Jolande Jacobi: Die Psychologie von C.G. Jung, Fischer tb 1998

  • Lexikon Jungscher Grundbegriffe, Walter 1994

  • C.G. Jung: Der Mensch und seine Symbole, Walter 1995

 

Autorin: Gudrun Gutdeutsch

 

(aus: Abenteuer Philosophie Heft Nr. 76)


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