Die Dankbarkeit oder der singende Stallbursche
Ein Stallbursche arbeitete auf dem Feld. Plötzlich merkte er, dass er sich einen Dorn in den Fuß gestochen hatte. Er bemühte sich, den Stachel herauszubekommen, reinigte die blutige Stelle und begann, mit einem Lobgesang Allah seine Dankbarkeit zu zeigen. Sein Freund, der das Vorkommnis miterlebte, fragte ihn nach dem Grund seiner Dankbarkeit, trotz der Verletzung. Der Stallbursche sagte: "Ich bin froh, dass ich meine neuen Schuhe nicht angezogen hatte, sonst wäre jetzt ein Loch im Schuh."
Dankbarkeit beginnt im Kleinen. Und ist eng verknüpft mit der Freude. Die Dankbarkeit ist wie das Echo der Freude auf die empfundene Freude und ruft wiederum Freude hervor, wenn sie sich ausdrückt. Danken heißt geben; sich bedanken heißt, mit jemandem teilen. "Wir sind für nichts so dankbar wie für Dankbarkeit", sagte Marie Ebner-Eschenbach. So kreisen Dankbarkeit und Freude in einem Tanz des Glücks und schwingen sich empor zum Lobgesang Gottes.
In jenen Kulturen, in denen man in tiefem Einklang mit der Natur lebte, stellten Opfergaben einen wesentlichen Ausdruck der Dankbarkeit dar - und waren im ganzheitlichen Weltbild dieser Völker unumgänglich, um den Kreislauf des Lebens in Schwung zu halten. "Opfer" - lat. sacrificium - leitet sich ab von "sacrum facere". Dies bedeutet "heilen, heil und ganz machen". Die Opfergabe erstattet zurück, was man von der Natur empfangen hat. Und so wurden u.a. "Erstlingsgaben" dargebracht, d.h. der erste Honig, das erste Getreide, die ersten Früchte des Jahres. Diese Tradition hat sich erhalten, denn bis heute feiern wir in unseren Breiten das Erntedankfest, um der "Großen Mutter Natur" unsere Ehre zu erweisen.
Die Dankbarkeit gilt als Tugend. "Undankbarkeit", sagt André Comte Sponville in seiner "Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben", "ist nicht die Unfähigkeit zu empfangen, sondern die Unfähigkeit, etwas von der empfangenen oder empfundenen Freude zurückzugeben, sei es als Freude oder als Liebe. Undankbarkeit ist deshalb so häufig. Wir verschlucken die Freude wie andere das Licht: schwarzes Loch des Egoismus."
Goethe stellte fest: "Begegnet uns jemand, der uns Dank schuldig ist, gleich fällt es uns ein. Wie oft können wir jemand begegnen, dem wir Dank schuldig sind, ohne daran zu denken." Wer nicht dankbar sein kann, ist nicht großzügig oder großherzig. Neben mangelnder Dankbarkeit begegnen wir auch falscher Dankbarkeit. Rochefoucauld bemerkte: "Die Dankbarkeit der meisten Menschen ist nur der geheime Wunsch, noch mehr zu bekommen." Man sagt "danke!" und meint "bitte!". Aber das ist eher Schmeichelei und Kriecherei als Dankbarkeit. Und dann handelt es sich nicht um eine Tugend, sondern um ein Laster.
Und dieses Laster hat uns heute fest im Griff. Wer nicht dankbar sein kann, kann nicht anerkennen, was er empfängt. Er ist zu stolz, zu egoistisch, zu gierig. Und das alles sind wir. Wir wissen nicht mehr, was es heißt, im Schweiße seines Angesichts dem Boden die Nahrung abzuringen, sich körperlich anzustrengen, um uns und unsere Lieben zu ernähren. Wir kaufen im Supermarkt ein und sind erbost, wenn es bestimmte Waren einmal nicht gibt, bedienen für die Hausarbeit verschiedene Knöpfe und Maschinen und werden unseren Kindern einen verseuchten, geschundenen und abgewirtschafteten Planeten hinterlassen. Wir sind hochmütig und egoistisch, Dankbarkeit aber erfordert Demut und das Wissen darum, dass nicht alles aus einem selbst heraus geboren wird, sondern dass die schönsten Dinge einem gemeinsamen Tun entspringen oder Geschenke Gottes oder der Natur sind.
Können wir anders als dankbar sein, dass es die Sonne gibt, das Meer, die Bäume und Vögel mit ihrem Gesang? Sind wir nicht ergriffen angesichts eines Regenbogens oder der Aussicht von einem Berggipfel?
Dankbarkeit ist eine Tugend, die Gott sei Dank auch noch heute Menschen dazu inspiriert, sie zum Ausdruck zu bringen. Man zeigt sie bei Festen, Ehrungen, Begräbnissen, in Gesängen, Tänzen, Liedern und Kompositionen. Sponville: "Welche Tugend wäre so leicht, so lichtvoll, so mozartisch, möchte man fast sagen, und das nicht nur, weil Mozart sie in uns erweckt, sondern weil er sie singt, weil er sie verkörpert, weil in ihm diese Freude ist, diese überschwängliche Dankbarkeit, ja, welche Tugend wäre glücklicher und demütiger, welches Geschenk leichter und notwendiger als ein Dankeschön, ausgedrückt mit einem Lächeln oder einem Tanzschritt, einem Lied oder einfach mit Glücklichsein?"
Diese Verbindung von Dankbarkeit und Mozarts Musik kann ich zutiefst teilen. Sponville bringt aber auch noch andere Komponisten mit Tugenden in Verbindung, denn für ihn hört man bei Mozart und Bach am meisten die Dankbarkeit und Freude, "bei Haydn hört man eher die Höflichkeit und Großherzigkeit, bei Beethoven den Mut, bei Schubert die Sanftmut, bei Brahms die Treue". Ich persönlich allerdings höre bei Bach eher so etwas wie kosmische Harmonie und Ordnung... aber vielleicht beziehe ich mich auf andere Musikstücke als Sponville.
Aber zurück zur Dankbarkeit. Sie freut sich über das, was ist oder war. Im Gegensatz zu Bedauern oder Nachtrauern. Und sie steht auch im Gegensatz zu Hoffnung und Angst, die beide in die Zukunft gerichtet sind. "Das Leben der Unvernünftigen ist undankbar und ängstlich. Es ist ganz auf die Zukunft ausgerichtet", sagt Epikur. Die Dankbarkeit ist Freude des Gedächtnisses, Liebe der Vergangenheit. Und sie hat mit Erkenntnis zu tun: ist man sich dessen bewusst, was war, hat man es mit geistiger Präsenz erlebt, kann man Dankbarkeit empfinden. Und diese kann uns dann helfen, auch Schicksalsschläge zu ertragen, wie Epikur meint: "Das Unglück muss man heilen durch die freudige Erinnerungen an das Verlorene und durch die Erkenntnis, dass es nicht möglich ist, das Geschehene ungeschehen zu machen." Das ist wohl auch eine wunderbare Beschreibung der Trauerarbeit. Man soll annehmen, was ist, also auch, was nicht mehr ist, und es so lieben, wie es ist, in seiner Wahrheit, in seiner Ewigkeit.
Zum Schluss sollten wir uns noch mit einem etwas unangenehmen Aspekt der Dankbarkeit auseinander setzen. Dankbarkeit gilt auch als Pflicht und hat so den Beigeschmack einer erzwungenen Handlung. Schon die kleinen Kinder fordert man auf, wenn sie etwas von der Oma geschenkt bekommen haben: "Sag schön danke!" Und brav sagen die Kleinen das verlangte Wort. Denn schon seit der Antike war die Dankbarkeit als das Eingedenksein empfangener Wohltaten und als positive Vergeltung ungeschriebenes Gesetz.
Was also ist schwierig an der Dankbarkeit? Wie wir schon weiter oben gesehen haben, hängt es mit der Demut und dem Aspekt der Unterordnung zusammen. Oft empfindet man es so: Der Dankende ordnet sich dem Bedankten unter. Das führt häufig dazu, dass man gar keine Wohltaten mehr empfangen mag, denn dann ist man in der "schwächeren Position" und obendrein ist man dann zu Dank verpflichtet. Ja, man schuldet sogar noch eine Gegenleistung! Beschämend! Doch wer so denkt, handelt nicht tugendhaft, sondern ist gefangen in einem materiellen Konzept von Geben und Nehmen. Und wer so denkt, liebt nicht richtig, denn die Liebe - die eng mit der Dankbarkeit verbunden ist - gibt eher, als dass sie empfängt.
Sri Ram, ein indischer Gelehrter, sagte dazu: "Nur wenn wir lieber geben als nehmen (auch den Dank!), können wir alle Kanäle unserer Natur reinigen und es den Kräften der Liebe ermöglichen, dass sie emporquellen und nach allen Richtungen überströmen."
Zum Abschluss - wie immer - zwei praktische Empfehlungen der Lebenskunst:
1.) Hören Sie Mozart - und öffnen Sie Ihr Herz weit für die Freude und Dankbarkeit, die durch seine Musik tönt! Ich empfehle dies besonders morgens, dann wird der ganze Tag beschwingter.
2.) Seien Sie so oft wie möglich dankbar. Wie der Stallbursche in der oben erwähnten Geschichte. Wenn etwas kaputt geht, freuen Sie sich, dass wertvollere Dinge nicht beschädigt wurden. Wenn Sie etwas verlieren, freuen Sie sich über das, was Sie noch haben. Das bewahrt Sie vor Magengeschwüren und Stress. Und es macht glücklich
Viel Freude mit beidem,
Ihre Gudrun Gutdeutsch



