Die Einfachheit oder der Rabbi, der ein Nichts sein wollte
Der Rabbi ist alleine in der Synagoge. Er liegt auf den Knien, schlägt sich auf die Brust und sagt: "Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts..." Der Kantor betritt die Synagoge, sieht den Rabbi, kniet neben ihm nieder und stimmt mit ein: "Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts..." Da kommt der polnische Pförtner, um den Boden zu fegen. Und während er beim Fegen den Besen im Takt bewegt, murmelt er mit den anderen: "Ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts, ich bin ein Nichts..." Der Rabbi schaut hoch, sieht den Pförtner und sagt zum Kantor: "Da schau, wer sich einbildet, ein Nichts zu sein!"
"Simplify your life!" - dass dieses Buch so erfolgreich wurde, zeigt eine der größten Plagen unserer Zeit auf: die Komplexität, Kompliziertheit und Überfülle unserer Zeit in allen Bereichen. In diesem Buch erfährt man, wie man in acht Schritten das eigene Leben, symbolisch als Lebenspyramide gedacht, vereinfachen kann. Der Weg geht von außen nach innen und beginnt an der Basis der Pyramide. Auf der ersten Stufe entrümpelt man das Lebensumfeld und trennt sich von allen überflüssigen Dingen. Auf der zweiten Stufe vereinfacht man die Finanzen, auf Stufe drei die Zeitplanung. Nach diesen äußerlichen Bereichen geht der Vereinfachungsweg zum Inneren bzw. dem Menschen selbst über. Auf der vierten Stufe verbessert man die Gesundheit. Auf der fünften Stufe bearbeitet man die zwischenmenschlichen Beziehungen und auf der sechsten die Partnerschaft. Auf der siebten Stufe schließlich wird das eigene Selbst vereinfacht. Auf der Spitze der Lebenspyramide, der achten Stufe, wird über das eigene Leben hinaus nachgedacht.
Antoine de Saint-Exupéry, dem Autor des Buches "Der kleine Prinz" zufolge, das auf einzigartige Weise einfachste philosophische Lehren vermittelt, hätte man dann die Vollkommenheit erreicht: "Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn man nichts mehr hinzufügen, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann."
Vielleicht wäre es einfacher und effektvoller, von innen nach außen zu gehen, von dem "einfachen Gemüt" zum einfachen Leben? Vom einfachen Denken zum einfachen Sein? Vom Geist zur Materie?
Die Einfachheit lehrt, Abstand zu nehmen oder vielmehr, sie ist dieser Abstand von allem und von sich selbst. Im Denken ist sie die Vernunft, jene geistige erhabene Kraft im Menschen, die den antiken Philosophen bei ihrem Erkenntnisweg diente. Damals benutzte man den gesunden Menschenverstand und die rechte Urteilskraft. Die Naturphilosophen und die "Sieben Weisen" der vorsokratischen Epoche vertraten die Überzeugung, dass eine wahre Theorie nicht nur schön (im Sinne einer logischen, in sich stimmigen Struktur) und gut (d.h. funktional und konkret umsetzbar) sein sollte, sondern auch einfach. Diese Ansicht teilte auch Albert Einstein. Auch heute ziehen die Wissenschaftler von zwei Beweisen, zwei Hypothesen, zwei Theorien gewöhnlich die einfachere vor...
Leider geht die moderne Philosophie da ganz andere Wege. André Comte-Sponville, der in seinem Buch "Anleitung zum unzeitgemäßen Leben" so inspirierend über Tugenden schreibt, bedauert, dass die zeitgenössischen Philosophen normalerweise den anderen Weg gehen und das Kompliziertere, das Obskurere, das Gewundene vorziehen... Es schützt sie vor jeglicher Anfechtung und macht ihre Theorien ebenso wirklichkeitsfern wie langweilig. Er fragt sich: Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht, warum lang, wenn es auch kurz geht, warum dunkel, wenn man auch klar sein kann?
Die Einfachheit ist also eine intellektuelle Tugend. Und sie ist die Existenz selbst, ohne irgendwelche Zusätze. Deshalb ist sie die leichteste Tugend, die durchsichtigste, die seltenste. Sie ist das Gegenteil der Doppeldeutigkeit, der Kompliziertheit, der Überheblichkeit und ist darum so schwer. Ohne die Einfachheit wird jede Tugend verdorben, ihrer selbst entleert, quasi mit sich selbst gefüllt.
Die Einfachheit ist aber auch eine moralische und spirituelle Tugend. "Einfachheit bedeutet eine reinliche Unterscheidung des Wesentlichen vom Unwesentlichen, des Wahren vom Falschen und eine vollkommene Integration von Denken und Fühlen", sagt der indische Gelehrte Nilakanta Sri Ram. Alle große Mythologien der Welt folgen diesem Prinzip der Einfachheit, wenn sie den Kampf zwischen dunklen und hellen Mächten schildern und in kraftvollen Bildern den Sieg des Guten über das Böse schildern. Auch der Ägyptologe und Autor Christian Jacques erzählt in seinen zahlreichen äußerst beliebten Romanen vom Ringen der Wahrheit-Gerechtigkeit gegen zerstörerische Mächte.
Wir sehnen uns nach diesen einfachen Kategorien, weil unser Leben viel zu komplex und unübersichtlich geworden ist und weil es nirgendwo mehr echte Tugend gibt. Woran erkennt man einen "guten Menschen"? An seiner Einfachheit, seinem Humor, an der Lauterkeit des Blicks, der Reinheit des Herzens, der Offenheit des Gemüts, der Ehrlichkeit der Ausdrucksweise, der Redlichkeit der Seele und des Verhaltens... Der französische Schriftsteller der Aufklärung François Fénelon sagt: "So mögen es die Menschen, und Gott mag es ebenso: Er will Seelen, die nicht mit sich selbst beschäftigt sind, die sich nicht gleichsam ständig bespiegeln, um ihre Erscheinung zu pflegen. Da man innerlich losgelöst ist von sich selbst, indem man alles willentliche Selbstbesinnen unterlässt, handelt man natürlicher. Diese wahre Einfachheit scheint manchmal ein wenig nachlässig und weniger korrekt, aber sie hat einen Geschmack von Arglosigkeit und Wahrheit, der spürbar wird, etwas Unbedarftes, Sanftes, Unschuldiges, Fröhliches, Friedliches, das entzückt, wenn man es mit reinen Augen näher und länger ansieht."
Die Einfachheit ist das Kennzeichen großer Weisheit. Die Lehren der großen Meister der Menschheit sind in einfachen Bildern und Gleichnissen festgehalten, denn "Alles Große und Edle ist einfacher Art" (Gottfried Keller). Die großen Wahrheiten des Lebens und der Welt sind einfach.
Zitieren wir zum Abschluss noch einmal Comte-Sponville: Der Einfache "geht unbeirrt seinen Weg, leichten Herzens, den Frieden in der Seele, ohne Ziel, ohne Sehnsucht, ohne Ungeduld. Die Welt ist sein Reich, und sie genügt ihm. Die Gegenwart ist seine Ewigkeit, und sie erfüllt ihn. Er hat nichts zu beweisen, weil er nichts scheinen will. Nichts zu suchen, weil alles da ist. Was ist einfacher als die Einfachheit? Was ist unbeschwerter? Sie ist die Tugend der Weisen und die Weisheit der Heiligen."
...dem noch was hinzuzufügen ist wahrhaft schwer. Deshalb ein ganz einfacher Tipp:
Gehen Sie in die Natur, suchen Sie sich einen Kieselstein, ein Blatt, eine Blume, ein Stück Holz, ein Schneckenhaus... Nehmen Sie sich Zeit, es zu betrachten. Geben Sie sich ganz hin. "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar",
... meint auch Ihre Gudrun Gutdeutsch
Zitate:
"Weniger ist oft mehr oder auch weniger ist manchmal mehr." Quelle
"Das Einfache ist nicht immer das Beste. Aber das Beste ist immer einfach."
(Heinrich Tessenow)
"Alles Große und Edle ist einfacher Art."
(Gottfried Keller)
"Das Schlimmste ist, dass wir die einfachsten Fragen mit Tricks zu lösen versuchen, darum machen wir sie auch so kompliziert. Man muss nach einfachen Lösungen suchen."
(Anton Tschechow, Notizbücher)
"Der Urbegriff und die Wesenheit aller Dinge ist das Sein: das Ewige, Unendliche und Unbedingte, das, alles erschaffend, selbst unerschaffen ist, die Fülle des Lebens aufschließend, stets in seiner unveränderlichen Einfachheit beharrt, selbst durch nichts bedingt wird."
(Friedrich Ast, Das Wesen der Philosophie)
"Einfachheit ist das Resultat der Reife."
(Friedrich Schiller)
Einfachheit ist ein Zustand, der sich dadurch auszeichnet, dass nur wenige Faktoren zu seinem Entstehen oder Bestehen beitragen, und dadurch, dass das Zusammenspiel dieser Faktoren durch nur wenige Regeln beschrieben werden kann. Damit ist Einfachheit das Gegenteil von Komplexität.
(wikipedia)



