Die Frömmigkeit oder das Geheimnis des Samenkorns
"Ein Samenkorn opfert sich selbst auf für den Baum, der aus ihm entsteht. Äußerlich gesehen, geht der Samen verloren, aber die gleiche Saat, die geopfert wird, verkörpert sich im Baum, seinen Zweigen, Blüten und Früchten. Würde das Bestehen jenes Samenkorns nicht vorerst für den Baum geopfert, hätten keine Zweige, Blüten oder Früchte entstehen können."
(Nach ´Abdu´l-Bahá)
In den vergangenen Folgen von "Lebenkunst" lernten wir die vier Kardinaltugenden der Antike kennen: Klugheit oder Weisheit, Mäßigung, Mut und Gerechtigkeit. Im Buch "Sokrates und das Glück" erzählt Fernand Schwarz, dass eben jener bekannteste Philosoph der Antike zusätzlich eine fünfte Tugend besonders hochgehalten hat: die Frömmigkeit oder Hingabe, griechisch hosiotès.
"Frömmigkeit" klingt für die heutigen Ohren altmodisch, wir beschränken diesen Begriff auf eine überholte Religiosität. Fernand Schwarz jedoch gibt ihr eine ganz andere, tiefere Bedeutung: Frömmigkeit ist das erhabenste aller Gefühle und macht uns bewusst, dass wir mit allem, was uns umgibt, durch lebendig spürbare Bande verbunden sind.
Vielleicht könnten wir die Frömmigkeit mit dem modernen - und leider fast schon abgedroschenen - Ausdruck "Spiritualität" bezeichnen. "Spiritus" ist der Geist, der nach Vorstellung der Alten alles durchdringt und die Ursache alles Manifestierten ist. Wer heute "spirituell" denkt, ist nach gängiger Auffassung mit dem geistigen oder göttlichen Prinzip im Universum verbunden und ist sich gleichzeitig des in jedem Menschen vorhandenen "göttlichen Funkens" bewusst.
Sri Ram, ein indischer Gelehrter des 20. Jh., schreibt in seinem Büchlein "Gedanken für Strebende": "Spiritualität ist eine Eigenschaft unseres innersten Wesens, die den ganzen Bereich unseres Bewusstseins durchdringt und bewirkt, dass in unserem Verstand und in unserem Herzen ein Ausströmen aus den reinsten Quellen unseres Seins erfolgt." Und weiter: "Der spirituelle Mensch ist ein Mensch, dessen Herz frei von allen persönlichen Zielen und Wünschen ist, aber offen für alle Wesen allüberall, und darum eins mit allen Wesen und Dingen."
Dieses Bewusstsein der Verbundenheit mit allen Wesen und Dingen bezeichnete Fernand Schwarz mit Frömmigkeit oder Hingabe. Aus ihr entsteht auch jegliches Verantwortungsgefühl. Sie macht uns bewusst, was wir unseren Nächsten schulden, unserem Land, der Menschheit, den Göttern, der Natur. Sie macht uns unsere Pflicht gegenüber den Wesen und den Dingen bewusst und lässt uns diese Pflichten auch freiwillig übernehmen, einfach weil es gerecht ist.
"Hingabe" bedeutet zum einen, dass man sich ganz anvertrauen kann, zum anderen, dass man fähig ist, aus vollem Herzen zu geben. Hingabe bedeutet, sein eigenes Sein als Samenkorn aufzugeben, damit Baum und Zukunft werden kann.
Hingabe ist eine Tugend, die auch in der östlichen Philosophie der Weg zur Erlangung des Göttlichen ist. In der Bhagavad Gita, der "Bibel der Hindus", sagt Krishna als höchstes göttliches Prinzip: "Richte dein Gemüt auf mich, bete mich an; beuge dich vor mir; diejenigen, welche mir anhängen und mir ergeben sind, erlangen mich."
Was das Geben betrifft, sagt Sri Ram: "Geben ist unser wahres Wesen. Die Kunst des spirituellen Lebens liegt darin, was wir geben und wie wir es geben." Und weiter: "Wenn der wahrhaft spirituelle Mensch jedem gibt, der dessen bedarf, macht er sich leer, aber nur, um von der unerschöpflichen Quelle in seinem Inneren aufs Neue erfüllt zu werden; er gleicht nicht einem stagnierenden Teich, sondern einem Springquell klaren, fließenden Wassers, das allen Erfrischung gewährt, die in seiner Nähe sind."
Hingabe, Spiritualität, Frömmigkeit und Verantwortungsbewusstsein werden aus ein und derselben Quelle gespeist: Das Wissen um die Einheit der Welt und all ihrer Wesen. Alles ist ein Ausdruck des Göttlichen, eine Manifestation des geistigen Prinzips. Wären sich alle Menschen dieser Einheit bewusst, gäbe es keine Kriege, keinen Hass und keinen Fundamentalismus mehr. Bis dahin ist es jedoch noch ein weiter Weg, der bei jedem Einzelnen beginnt. Wer zur Einheit der Welt beitragen will, muss bei sich selbst beginnen. Der transkulturelle Psychotherapeut Nossrat Peseschkian erzählt dazu gerne folgende Geschichte:
"Willst du das Land in Ordnung bringen, musst du erst die Provinzen in Ordnung bringen.
Willst du die Provinzen in Ordnung bringen, musst du die Städte in Ordnung bringen.
Willst du die Städte in Ordnung bringen, musst du die Familien in Ordnung bringen.
Willst du die Familien in Ordnung bringen, musst du die eigene Familie in Ordnung bringen.
Willst du die eigene Familie in Ordnung bringen, musst du dich in Ordnung bringen."
Und wie kann man sich selbst "in Ordnung bringen"? Durch das Praktizieren der Tugenden, womit wir wieder bei Sokrates angelangt wären. Er versuchte beständig, das Gute zu tun und das Schlechte zu meiden. Von ihm könnte folgender Satz (tatsächlich schrieb dies Sophokles) stammen: "Ich ziehe es vor, zu scheitern und edel gehandelt zu haben, als auf niederträchtige Art zu siegen." Das ist moralisches, tugendhaftes und spirituelles Leben.
Wenn Sie dieses praktizieren, verwirklichen sie damit das so genannte "Diszipulat", das Vermitteln einer inneren Lehre durch das gelebte Beispiel, wie es in den klassischen antiken Philosophieschulen gelebt wurde. So erlangen Sie die Fähigkeit, aus sich selbst heraus und nach eigenen Maßstäben zu handeln und von äußeren Zwängen unabhängig zu werden. So leben Sie gemäß ihrer inneren Notwendigkeiten.
Praktische Tipps? Diesmal zwei Bücher, die ich Ihnen wärmstens ans Herz lege:
1.) "Der Weg zum Glück - Sokrates und seine lebendige Philosophie" von Fernand Schwarz.
Eine Einführung in die lebendige und zutiefst menschliche Philosophie des Sokrates, die uns dazu einlädt, Schritt für Schritt das Glück zu entdecken.
2.) "Gedanken für Strebende" von N. Sri Ram
In kleinen Kapiteln, z.B. "Selbstverwirklichung", "Harmonie", "Glück", "Demut und Einfachheit" erhalten Sie Inspirationen zur spirituellen Lebenskunst.
Viel Freude beim Lesen!
Ihre Gudrun Gutdeutsch



