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Die Höflichkeit

Blut auf weißen Handschuhen fällt sofort auf. Ein höflicher Schuft ist nicht weniger niederträchtig als ein unhöflicher. Bei der Höflichkeit muss man aufpassen, dass man nicht auf sie hereinfällt. Die Höflichkeit ist keine Tugend und wird nie als solche gelten können.

Dies und noch viel mehr sagt André Comte-Sponville in seinem Buch: "Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben". Und er beginnt sein Buch über Tugenden und Werte mit - der Höflichkeit.

Die so genannte "Höflichkeit" und das "höfische" Benehmen haben ihren Ursprung am Königs- oder Fürstenhof, an dem man sich zuvorkommend, aufmerksam und mit guten Umgangsformen zu bewegen hatte. Natürlich wurde schon viel früher und in anderen Kulturen großer Wert auf edle Sitten gelegt: Um Ihnen nur einige Beispiele zu nennen: Im alten China und Ägypten, in der griechisch-römischen Antike legte man großen Wert auf einen aufmerksamen und höflichen Umgang.

In der jüngeren Vergangenheit wurde Höflichkeit als "Etikettentugend" und Falschheit teilweise abgelehnt, die 68er-Generation strebte nach Natürlichkeit und Authentizität. Tut es nicht jedem Menschen gut, höflich behandelt zu werden? Deshalb sollte auch jeder selbst höflich sein, um mit Kants Kategorischem Imperativ zu sprechen: Kant fordert nämlich, dass jeder sich so verhalten möge, dass aus seinem Verhalten ein allgemein gültiges Gesetz abgeleitet werden könne.

Ist Höflichkeit überhaupt eine Tugend?

Comte-Sponville philosophiert darüber in oben genanntem Buch. Er kommt zu dem Schluss, dass Höflichkeit keine Tugend ist, sondern sekundär, nebensächlich, fast belanglos ist. Allerdings meint er auch, dass sich intelligente und tugendhafte Menschen die Höflichkeit nicht sparen können. Ein wahrer Schuft kann zwar äußerlich höflich sein, ein Edler jedoch kann niemals äußerlich ungehobelt sein.

Der französische Schriftsteller Jean de La Bruyère sagte im 17. Jahrhundert: "Die Höflichkeit erweckt nicht immer Güte, Rechtschaffenheit, Liebenswürdigkeit, Dankbarkeit; sie verschafft immerhin den Anschein davon und lässt den Menschen außen so scheinen, wie er innen sein sollte." Wer sich höflich benimmt und sich guter Umgangsformen bedient, benützt eine besondere Kraft, die Magie der Form. Betritt man eine gotische Kathedrale, wird der Geist erhoben, denn der Kontakt mit dem Göttlichen wird durch diese geeignete Form stark unterstützt. Trägt jemand einen edlen Kern in seinem Inneren, wird dieser durch höfliches und achtsames Benehmen - also durch die Magie der Form - sich zu entfalten und zu blühen beginnen.

Was macht den Zauber der wahren Höflichkeit aus?

Sie ist Achtsamkeit, Respekt, Würdigung des anderen - und vor allem: ein Akt der Großzügigkeit. Sie bedeutet, sich selbst zurücknehmen zu können und zuerst auf den anderen zu achten. Höflichkeit ist eine Form des Dienens - im Mittelalter durch den Minnedienst des Ritters an der Dame seines Herzens zur Hochblüte entwickelt.

In allen Kulturen gab es Regeln der Höflichkeit für die unterschiedlichsten Anlässe: den Umgang mit Gästen, älteren Menschen, "Menschen mit besonderen Bedürfnissen" (ein moderner, höflicherer Ausdruck für "Behinderte"). Des weiteren finden wir Ratschläge für den Umgang mit Menschen aus dem Volk, höher gestellten Beamten, den eigenen Kindern, allgemeine Ratschläge für das Zusammenleben...

Genug des Philosophierens - ein paar konkrete Tipps mögen Sie in Ihrem Alltag begleiten und Ihnen Anregungen für eine ganzheitliche Höflichkeit geben.

1) Höflichkeit mit sich selbst

Das bedeutet, sich selbst gegenüber achtsam zu sein und die einzelnen Elemente der eigenen Persönlichkeit angemessen zu pflegen: - Den Körper, die Kleidung und das gesamte äußere Erscheinungsbild sauber und angenehm gestalten, ausreichend Bewegung machen, sich regelmäßig an der frischen Luft aufhalten, Mäßigkeit bei allen Dingen bewahren - beim Essen, Trinken, Rauchen, in der Sexualität, usw. - Die Seele mit positiven Gedanken und Gefühlen ernähren. Gute Musik und Literatur, die Betrachtung der Natur und ihrer Gesetzmäßigkeiten, sich Ruhe und Zeit für die Selbstbesinnung nehmen.

2) Höflichkeit mit den Wesen und Gegenständen Ihrer Umwelt

Das bedeutet, Tiere und Pflanzen - und warum nicht auch Steine? - als Lebewesen anerkennen und diese mit Achtung und Respekt behandeln. Pflanzen und Tiere pflegen und die Gegenstände (Auto, Gerätschaften, im Haushalt), mit denen wir arbeiten, sauber und in gutem Zustand halten. Ordnung halten, unsere Papiere sortieren, nichts aus Unachtsamkeit verkommen lassen. Umweltbewusst handeln.

3) Höflichkeit mit den anderen Menschen

Dies ist die für uns geläufigste und bekannteste Form der Höflichkeit und hier sind wir am meisten gefordert. - Leben und leben lassen, ohne alles vorbehaltlos zu akzeptieren: Die Verschiedenheit der Menschen und deren unterschiedliche Auffassungen zu den Dingen stellen eine Bereicherung dar. - Praktizieren Sie Großzügigkeit und Aufmerksamkeit. Achten Sie - ohne sich selbst aufzugeben - zuerst auf den/die anderen, dann auf sich selbst. - "Die Zunge kann einen Menschen ins Verderben stürzen" - das schrieb Ani, ein ägyptischer Beamter aus dem neuen Reich. Passend ist auch der Satz: "Meist bereuen wir eher das, was wir gesagt haben, als das, was wir verschwiegen haben." All diese Sprüche weisen uns darauf hin, dass Höflichkeit sehr viel mit unserer Art zu kommunizieren zu tun hat. - Nehmen Sie sich Zeit! Vielleicht ist die allgemeine Zeitnot und der Stress das größte Hindernis für einen guten Umgang miteinander. Höflichkeit braucht Ruhe und Besinnung.

4) Höflichkeit mit den höheren Wesenheiten

Wie auch immer wir es bezeichnen wollen: das Göttliche, Geist, Engel, Naturgeister, Elementale - die Traditionen aller Kulturen berichten von Wesenheiten und Kräften, die über das Menschliche hinausgehen. Um ihnen gegenüber unseren Respekt und unsere Höflichkeit auszudrücken, können wir eine Kerze, ein Räucherstäbchen, ein wenig Weihrauch anzünden, wenn wir uns ihnen zuwenden wollen. Vielleicht gibt es zu Hause einen besonderen "heiligen" Platz, auf dem frische Blumen, eine Kerze, ein schöner Stein vom letzten Spaziergang ihren Platz finden. Hausaltäre gab es in zahlreichen Kulturen: Sie sind ein heiliger Ort und bilden einen "Mikrokosmos" in den eigenen vier Wänden, der uns an den uns umgebenden Makrokosmos erinnert und somit daran, dass wir Teil eines größeren Ganzen sind. So wie beispielsweise eine Moschee oder ein anderes Gotteshaus ästhetisch ausgestaltet und geschmückt ist, um die Begegnung dem Göttlichen zu unterstützen, erleichtern höfliche Umgangsformen die Begegnung mit dem "göttlichen Funken" im Menschen.

Edles und würdiges Verhalten ist die Widerspiegelung des inneren Adels der Seele und der Geistigkeit des Menschen.

Ihre Gudrun Gutdeutsch



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