Die Hygiene
Unser philosophischer Tagesablauf, den wir in vier Abschnitte à sechs Stunden einteilen, geht weiter. Wir haben uns bereits mit den Themen Arbeit und otium ("göttliche" Muße) beschäftigt. Jetzt fehlen noch die Hygiene und der Schlaf.
Das Wort "Hygiene" leitet sich ab von der griechischen Göttin "Hygieia", der Göttin der Gesundheit. Ihr Gatte oder in anderen Versionen ihr Vater ist Asklepios, der Gott der Heilkunst.
Laut Platon ist es für einen ganzheitlich gesunden Menschen notwendig, der Gesundheitspflege täglich sechs Stunden zu widmen. Das scheint uns im ersten Moment übertrieben und seltsam, da wir unter Hygiene hauptsächlich Sauberkeit und Reinheit verstehen. Doch wir müssen Platon richtig interpretieren: Gesundheitspflege ist viel komplexer als wir annehmen. Es gehören alle Tätigkeiten rund um die Pflege und Erhaltung des Menschen mit Körper, Geist und Seele dazu. Also die Nahrungszubereitung und das Essen, die Körperpflege und alles, was mit Krankheit und ihrer Heilung zu tun hat, die Sauberkeit des Wohnraums und der Kleidung, Sport und Bewegung und vor allem auch Reinigung der Gedanken und Gefühle und eine erfüllende Spiritualität.
Wenn wir uns daran erinnern, was wir in der letzten Folge zur sinnvollen Freizeitgestaltung sagten, so merken wir jetzt vielleicht, dass es zwischen der Hygiene und otium, also der "göttlichen" Muße, einige Berührungspunkte gibt, vor allem im Bereich der Spiritualität. Zur psychischen Gesundheit ist auch eine Beziehung zum Heiligen oder die Anbindung an einen höheren Seinszusammenhang notwendig. C. G. Jung, der Schweizer Psychotherapeut, hat erkannt, dass Menschen, die keine Möglichkeit finden, ihre Religiosität zu kanalisieren, zutiefst leiden und dass dieses Leid sich dann in psychischen Krankheiten, also Depressionen, Psychosen usw. ausdrücken kann.
Die allgemein übliche moderne Lebensweise des 21. Jahrhunderts ist leider sehr einseitig und unharmonisch, ja wir sagen sogar, die Welt "macht uns krank". Doch mit einigem Bewusstsein und etwas Flexibilität kann der Einzelne "hygienischer" leben. Deshalb folgen jetzt ein paar praktische Ratschläge:
Ordnung und Sauberkeit
In allen Klöstern und Tempelschulen waren Ordnung und Reinheit oberstes Gebot. Auch unsere Wohnung sollte stets sauber und ordentlich sein, damit unsere Psyche und unser Geist klar und hell bleiben. Besonders aufmerksam sollte man versteckte Ecken und Winkel, in denen sich Spinnweben und Ungeziefer ansammeln könnten, putzen. Dort, wo sich Schmutz zusammenballt, nisten sich vielleicht auch negative Gedanken und Gefühle ein. Beim Saubermachen ist nicht nur das Ergebnis wichtig, sondern die Tätigkeit des Reinigens an sich. Wenn Sie sich hier einmal aufmerksam beobachten, werden Sie merken, wie wohltuend diese Tätigkeit ist. Wenn man konzentriert arbeitet und sich dabei vorstellt, wie man gleichzeitig sein Inneres säubert und die verstecktesten Winkel und Ecken der Psyche von Dunkelheit befreit, findet die Reinigung tatsächlich auf verschiedenen Ebenen gleichzeitig statt. Wenn Sie mehr darüber wissen wollen, lesen sie die vierte Folge der Serie "Abenteuer Lebenskunst" in der Ausgabe Nr. 85 von Abenteuer Philosophie.
Düfte
Bereits die alten Ägypter, Inder und viele andere Völker wussten um die reinigende und gesundheitsfördernde Kraft von verschiedenen Räucherstoffen. In der christlichen Kirche hat sich der Weihrauch bis heute erhalten. Gute Räuchermischungen (Vorsicht vor schweren oder künstlichen Düften) erheben und reinigen die subtilen Ebenen des Menschen und werden u.a. in der traditionellen chinesischen Medizin bis heute und bei einigen Heilpraktikern immer stärker eingesetzt. Ganz besonders modern sind ja die Duftlampen mit den ätherischen Ölen. Auch hier ist auf gute Qualität zu achten. Bei all den Düften darf man das regelmäßige Lüften nicht vergessen. Frische Luft so wie frisches Quellwasser sind unersetzliche Quellen der Gesundheit und Regeneration.
Ernährung
Dies war schon das Thema des fünften Teiles der Serie in Ausgabe Nr. 86. Man sollte einen regelmäßigen Rhythmus der Mahlzeiten einhalten und nicht zu viel und auch nichts Schwerverdauliches essen. Das undisziplinierte Naschen zwischen den Mahlzeiten ist ebenso ungesund wie zu hastiges Essen. Bei den Getränken sollte man gesüßte, kohlensäurehaltige Limonaden vermeiden.
Alkohol, Tabak
Wir wissen, dass sowohl Alkoholgenuss als auch das Rauchen schädlich ist. Wenn man sich dieser Dinge nicht enthalten kann, sollte man eine gewisse Mäßigkeit walten lassen und nach und nach die Menge reduzieren. Alkohol sollte nicht außerhalb der Mahlzeiten getrunken werden.
Körperpflege
ist geradezu ein Kult in der heutigen Zeit. Je mehr wir unseren Körper pflegen, umso weniger die Seele und den Geist! In allen Hochkulturen war die Körperpflege wichtig und Kosmetik, Massage und "Wellness" waren u.a. bei den Indern, Ägyptern, den Mauren und den amerikanischen Hochkulturen selbstverständlich. Da man aber heute glaubt, dass mit dem Tod des Körpers der Mensch an sich stirbt, ist die Körperpflege ein Ziel geworden und kein Mittel. Man möchte um jeden Preis jung und schön bleiben. Hinterfragen wir unsere Haltung und finden wir die richtige Form, den Körper als "Gefäß" für die unsterbliche Seele in Schwung zu halten.
Bewegung und Sport
Schon zu Platons Zeiten war es üblich, sich in den Gymnasien der körperlichen Ertüchtigung zu widmen. Bewegung ist gesund, Sport in rechtem Maß auch. Auch hier sollte man wieder beachten, dass die Kräftigung des Körpers nur ein Mittel ist und nicht das Ziel an sich. Ähnlich wie bei der Körperpflege wird auch aus dem Sport heute ein Kult gemacht. Für jede Sportart gibt es Spezialkleidung, "normale" Turnschuhe kann man gar nicht mehr kaufen und der umweltzerstörerische Aspekt z.B. des Schifahrens wird einfach verdrängt. Anstatt mit Freunden in schöner Umgebung eine Radtour zu unternehmen, ist plötzlich "Spinning" modern, also das Radeln in einem von Neonlicht beleuchteten, schweißgeschwängerten Fitnessstudio - natürlich in der extra dafür gekauften Spezialkleidung...
Umweltschutz - Ökologie
Nicht nur unser Körper und unser Wohnraum müssen sauber gehalten und gepflegt werden, sondern ganz besonders auch unsere Umwelt. Gott sei Dank nimmt das ökologische Bewusstsein immer mehr zu, allerdings werden viele Bereiche ausgespart, wie z.B. die oben erwähnte Umweltzerstörung durch den Schisport. Genauso wenig wird der Massentourismus kritisch beleuchtet, bei dem Millionen von Menschen mit Flugzeugen rund um die Erde befördert werden. Die gesamte "Freizeitindustrie"ist aus ökologischen Gesichtspunkten höchst bedenklich, und wenn wir "hygienisch" handeln wollen, sollte jeder Einzelne in seiner gesamten Lebensweise darauf achten, dass die Gesundheit unseres Planeten nicht noch mehr gefährdet wird.
Reinheit der Gefühle und Gedanken
Die Lektüre klassischer Dichter und guter Literatur, die Betrachtung archetypischer Kunst, das Hören guter klassischer Musik, Naturbeobachtung und -betrachtung sind Quellen innerer Ruhe und Freude. Bei all diesen Dingen gilt: hilfreich ist, was zur Sammlung führt, aber nicht verweichlicht. Leider wird heute kaum echte Spiritualität gelebt, deshalb fehlt uns hier eine unersetzliche Quelle geistiger Erbauung und Reinigung. Regelmäßiges Beten oder die Teilnahme an kollektiven religiösen Ritualen mit sakralen Gesängen haben eine für uns heute unvorstellbare reinigende und erhebende Wirkung.
Ich hoffe, ich konnte Ihnen ein paar Anregungen geben, Ihre Gesundheitspflege auf ganzheitliche Art auszuführen.
Eine erfrischende Hygiene
wünscht Ihnen Gudrun Gutdeutsch



