Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. DruckenE-Mail

Die Klugheit oder das untrügliche Zeichen für Dummheit


"Ein Faghih, ein Lehrer in früheren Tagen, las bei der Unterrichtsvorbereitung in einem klugen Buch, das sieben Weise geschrieben hatten, den Satz: „Kleiner Kopf und langer Bart sind ein untrügliches Zeichen für Dummheit.“ Voll Interesse nahm er einen Spiegel und betrachtete sich lange Zeit: „Ich habe einen langen weißen Bart.“

Angestrengt starrte er weiter in den Spiegel: „Gott bewahre mich, mein Kopf ist auch nicht gerade groß. Wenn ich das Wort der Weisen morgen vor meinen Schülern lese, wie stehe ich dann vor ihnen da?” Das unglückliche Zusammentreffen der Merkmale der Dummheit in seiner Person ließ ihn so schnell handeln wie denken: „Von kurzem Bart und kleinem Kopf als Zeichen für Dummheit steht nichts in dem Buch.“ Keine Schere war zur Hand, kein scharfes Messer, um den Bart zu kürzen. So griff der Faghih in seinem Eifer nach einem Leuchter, um die verräterische Länge des Bartes zu stutzen. Wie eine Stichflamme fuhr das Feuer an seinem Bart hoch. Bevor er die Flamme löschen konnte, war sein Bart versengt, die Haut seines Gesichtes vom Feuer verbrannt und schwarz vor Ruß. Da er sich ohne Bart und mit Brandwunden im Gesicht vor anderen Menschen – erst recht vor seinen Schülern – nicht zeigen konnte, hatte er genügend Zeit zum Nachdenken. Neben den verhängnisvollen Satz „Kleiner Kopf und langer Bart sind ein untrügliches Zeichen für Dummheit“ schrieb er in gestochen scharfen Schriftzeichen: „Diese Behauptung hat sich in der Praxis als wahr erwiesen.“ (persische Geschichte)


Klugheit erwirbt man nicht durch Bücher sondern durch das Leben. Der Brockhaus stellt sie als „verständige Überlegenheit richtigen Verhaltens in schwierigen Situationen“ dar. Weiter wird von der „Lebensklugheit“ gesprochen, die umgangssprachlich im Sinne von Zweckrationalität häufig nicht von den eher abwertenden Begriffen wie Schläue, Cleverness oder taktischem Handeln unterschieden wird. Auch André Comte-Sponville schreibt in seinem Buch „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“, dass die Klugheit in der Neuzeit weniger mit Moral als mit Psychologie und weniger mit Pflicht als mit Berechnung zu tun hat. Offensichtlich kennen wir heute das wahre Wesen der Klugheit nicht mehr. Anlass genug, sie in einer Philosophiezeitschrift zu würdigen.

Die Klugheit als ein Aspekt der Weisheit ist eine der vier Kardinaltugenden des Altertums und des Mittelalters, neben der Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Platon war der Erste, der diese vier Tugenden beschrieb, wobei er die Gerechtigkeit über alle anderen stellte. Thomas von Aquin (1224/25 – 1274) verknüpfte in der Ausgestaltung seiner Morallehre die christliche Theologie mit der antiken Philosophie und fügte zu den vier Kardinaltugenden der Antike die drei christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu.

Kant (1724 – 1804) jedoch sah in der Klugheit keine Tugend mehr, sie sei nur aufgeklärte oder geschickte Eigenliebe ohne moralischen Wert, also zu gewinnbringend, um moralisch zu sein. Er lehrte, dass Wahrhaftigkeit absolute Pflicht sei und es besser wäre, unklug als pflichtwidrig zu handeln, selbst wenn das Leben eines Unschuldigen oder das eigene auf dem Spiel stehe. Die Kant´sche Pflichtauffassung hat etwas Absolutes, was heute nicht mehr klug scheint. Wir ziehen das Verantwortungsgefühl dem Pflichtgefühl vor.

Comte-Sponville meint, dass die Ethik der Überzeugungen der „Verantwortungsethik“ Max Webers (dt. Soziologe, + 1920) gewichen ist. Die Verantwortungsethik ist demnach eine Ethik oder Moral, die zwar ihren Prinzipien treu bleibt, trotzdem aber auch nach den voraussehbaren Folgen des Handelns fragt. Wir sollten also nicht nur unsere Absichten oder Prinzipien bedenken, sondern auch die Auswirkungen unseres Handelns. Die Verantwortungsethik ist eine Ethik der Klugheit. Sponville bringt folgendes krasses Beispiel: Es ist besser, die Gestapo anzulügen, als ihr einen Juden oder Widerstandskämpfer auszuliefern.

Klugheit ist angewandte Moral. Klugheit bedarf der Unterscheidungskraft – die wir für die richtige Anwendung jeglicher Tugend benötigen. Die Inder nannten die Fähigkeit des Unterscheidens „Viveka“ und brachten sie mit der Intuition in Verbindung. „Viveka“ – so das indische Gleichnis – besitzt der schwarze Schwan „Kalahamsa“, der es versteht, aus einem Töpfchen verdünnter Milch nur die Milch zu trinken und das Wasser zurückzulassen… Ganz ähnliche Worte findet Aristoteles, der die Klugheit als die Fähigkeit der richtigen Urteilsfindung bezeichnet. Dieses Urteil muss sich unmittelbar in der Praxis auswirken, und zwar bei der Planung des menschlichen Handelns mit Blick auf die Zukunft.

Somit ist Klugheit die Fähigkeit, mit Unterscheidungskraft zu beurteilen, was gut oder schlecht ist, und auch danach zu handeln. Die Griechen nannten sie phronesis), die Römer prudentia). Nicht nur Platon, auch Thomas von Aquin stellte fest, dass der Klugheit oder Weisheit die Leitungsfunktion unter allen Tugenden zukommt.

Die Klugheit dient mit Bescheidenheit höheren Zielen und bedenkt die geeigneten Mittel. Sie ist unersetzlich, denn keine Handlung kommt ohne sie aus. Die Klugheit herrscht nicht, aber sie regiert. Die phronesis wird von der Weisheit – sophia – unterschieden, da sie praktisch angewandte Weisheit ist – die Weisheit des Handelns. Epikur sagt: „Die Klugheit entscheidet, welche Wünsche befriedigt werden sollen und mit welchen Mitteln.” Er meinte, sie sei sogar wertvoller als das Philosophieren und „aus ihr würden sich alle übrigen Tugenden von selbst ergeben.“

Prudentia kommt von pro-videre – das heißt „vorausschauen“ und „sich vorsehen“ –, stellt Cicero fest. Hier wird der Aspekt der Zukunft betont. Die Klugheit ist Grundlage für die wirkliche Lebenskunst. So gehen wir zum Zahnarzt oder zur Arbeit, weil es getan werden muss, um spätere Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Klugheit ist die Tugend der Dauer, der ungewissen Zukunft, des günstigen Zeitpunktes (kairós der Griechen). Klugheit kann geduldig sein und warten, Klugheit kann aber auch die Gelegenheit beim Schopf packen.

„Die Klugheit ist hellsichtig wählende Liebe“, sagt Augustinus. Eltern lieben ihre Kinder, brauchen aber auch Klugheit zur Erziehung. Diese drückt sich in Vorsicht und Beschützen aus. Trotzdem muss man die Kinder ihren Weg gehen lassen und ihnen eigene – auch riskante – Erfahrungen ermöglichen. Die Klugheit sorgt für Umsicht und Vorsicht, sie hilft, die Gefahr abzuschätzen und Grenzen zu erkennen.

Die Klugheit ist nachhaltig. Es würde nicht der Klugheit entsprechen, die Auswirkungen unseres Handelns in der Zukunft zu vergessen. Die Menschheit von heute sollte sich dessen bewusst sein, wenn sie auch der künftigen Menschheit Rechte und Chancen bewahren will. Wir haben heute große Macht und deshalb auch große Verantwortung. Durch kluges Handeln sichern wir nicht nur unsere eigene Existenz und die unserer Nachfahren, sondern auch die der gesamten Menschheit und ihrer Umwelt. Durch Handeln aus Klugheit erwacht somit auch eine Verpflichtung zum Schutz unserer Umwelt.

Abschließend lade ich Sie herzlich ein – der Tradition von „Lebenskunst“ folgend – unten stehenden Satz zu reflektieren und ihn auf Ihr eigenes Handeln und Ihr Leben zu beziehen:
„Die Klugheit eines Menschen lässt sich aus der Sorgfalt bemessen, womit er das Künftige oder das Ende bedenkt.“ (Georg Christoph Lichtenberg)

Ihre Gudrun Gutdeutsch


Design by Treffpunkt Philosophie