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Die Liebhaberei oder noch ein langes Programm


Ein Kaufmann hatte hundertfünfzig Kamele, die seine Stoffe trugen, und vierzig Knechte und Diener, die ihm gehorchten. An einem Abend lud er einen Freund, Saadi, zu sich. Die ganze Nacht fand er keine Ruhe und sprach fortwährend über seine Sorgen, Nöte und die Hetze seines Berufes. Er erzählte von seinem Reichtum in Turkestan, sprach von seinen Gütern in Indien, zeigte die Grundbuchauszüge seiner Ländereien und seine Juwelen. „Oh Saadi“, seufzte der Kaufmann, „ich habe nur noch eine Reise vor. Nach dieser Reise will ich mich endlich zu meiner wohlverdienten Ruhe setzen, die ich so ersehne, wie nichts andres auf der Welt. Ich will persischen Schwefel nach China bringen, da ich gehört habe, dass er dort sehr wertvoll sei. Von dort will ich chinesische Vasen nach Rom bringen. Mein Schiff trägt dann römische Stoffe nach Indien, von wo ich indischen Stahl nach Halab bringen will. Von dort will ich Spiegel und Glaswaren in den Jemen exportieren und von dort Samt nach Persien einführen.“ Mit einem träumerischen Gesichtsausdruck verkündete er dem ungläubig lauschenden Saadi: „Und danach gehört mein Leben der Ruhe, Besinnung und Meditation, dem höchsten Ziel meiner Gedanken.“ (Nach Saadi, persischer Dichter)

Wie schön, dass „Lebenskunst“ so aufmerksame Leser hat! So erinnerte mich einer von ihnen, dass die angekündigte letzte Folge zum Themenbereich „Liebe“ (siehe „Abenteuer Philosophie“ Nr. 115 – 119) noch aussteht. Ich widme sie der „Stoika“, der Interessenliebe – wie sie im Platonismus bezeichnet wurde. Sie ist neben der „Agape“ (der Nächstenliebe), der „Philia“ (der Freundschaftsliebe) und dem „Eros“ (der sehnenden Liebe) die vierte Form der Liebe.

Als Interessen eines Menschen gelten Hobbys, Zeitvertreib, Liebhabereien. In der Antike verwendete man den Begriff „otium“ – „göttliche Muße“. Platon schlug vor, dass man den Tag in vier Abschnitte zu je sechs Stunden teilen sollte und diese der Arbeit, der Hygiene, dem Schlaf und eben der göttlichen Muße widmen soll – um ganzheitlich und erfüllend für Körper, Geist und Seele zu leben.

Was verstand man in der Antike unter otium? Das Bedeutungsspektrum reicht von Muße, Ruhe über Studium und Schule bis hin zu Verzögerung und Langsamkeit. Cicero prägte den Begriff des „otium cum dignitate“, der mit wissenschaftlicher und philosophischer Betätigung verbrachten „würdevollen Muße“ in Zurückgezogenheit. Hier war also nicht das süße Nichtstun gemeint, sondern eine charakterbildende und kreative Tätigkeit der Seele und des Geistes im Gegensatz zur Arbeit, die dem Broterwerb diente.

Die christliche und vor allem protestantische Gesellschaftsmoral verwandelte die göttliche Muße in den Müßiggang, der ja nach deren Auffassung aller Laster Anfang ist. Arbeit und Beruf wurden hochgehalten, dies prägte später auch die frühkapitalistische Ideologie. Freizeit und schöngeistige Beschäftigung galten als Privileg des Adels und des Klerus.

Die im 20. Jahrhundert entstandene Freizeitindustrie hat berechtigtes Interesse daran, dass der Mensch nicht nur für den Beruf lebt. Der so oft beklagte Stress im Berufsleben wird teilweise im „Freizeitstress“ fortgeführt. Wenn der Mensch nicht ab und zu innehält und zur Ruhe kommt, werden das Leistungsdenken, das Tempo und die Hektik der beruflichen Tätigkeit aus Gewohnheit in die Freizeit mitgenommen.

Der moderne Mensch liebt zum einen körperbetonte Entspannung, z.B. Bewegung, Sport. Fitness und Wellness. Zum anderen höre ich von Arbeitskollegen, dass sie zur Entspannung abends den Fernseher brauchen, um „runterzukommen“ und richtig „abschalten zu können“. Ca. 2 – 3 Stunden verbringt der Deutsche werktags durchschnittlich vor dem Fernseher.

Wieder anderen Menschen ist es wichtig, „ihren Interessen nachzugehen“. Dazu zählen alle Arten von Hobbys und Sammelleidenschaften, manche Menschen „lieben“ ihre Modelleisenbahn, Briefmarkensammlungen, das Mopedfahren, sind „Fans“ ihres Fußballvereins etc. Wir kennen auch Tierliebe, Liebe zur Natur, zur Heimat …

Und viele verwirklichen die „stoika“, die Interessenliebe, im sozialen oder gesellschaftlichen Bereich – wie z.B. im ehrenamtlichen Engagement oder bei Wohltätigkeitsorganisationen. Sportvereine, Nachbarschaftshilfe, soziale Institutionen wie z.B. die Telefonseelsorge oder die „Münchner Tafel“, Obdachlosencafés etc. bieten dem idealistischen Bürger die Gelegenheit, in seiner Freizeit nicht nur auszuspannen, sondern aktiv etwas Gutes zu tun und anderen zu helfen. Jeder dritte Deutsche engagiert sich ehrenamtlich, 57% geben dies als Quelle des Glücks und Wohlbefindens an. Ehrenamtliche Tätigkeit ist hoch zu schätzen, doch sie birgt die Gefahr, sich um andere zu kümmern, um sich nicht mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen.

Wenn wir diese zahlreichen Formen der Freizeitgestaltung mit der antiken Vorstellung von „otium“ vergleichen, sehen wir, dass dem Aspekt des Studiums, der Philosophie und Kreativität, der Verzögerung und Langsamkeit in unserer Gesellschaft im Allgemeinen eher wenig Bedeutung beigemessen wird. Der heutige Mensch ist nach außen orientiert, er will etwas Sinnvolles tun und so zählt nur die äußerlich sichtbare Aktivität.

Selbstbesinnung und innere Einkehr bringen den Menschen mit seiner wahren Identität in Kontakt. Mit dem „Selbst“, wie es C.G. Jung nannte, dem Kernatom der Seele, unserem inneren Zentrum. Für das Wohlbefinden und die dauerhafte Gesundheit eines Menschen sind diese Aspekte bedeutungsvoll. Prof. Nossrat Peseschkian erklärt in seinem „Balance-Modell“, dass jeder Mensch seine körperliche und seelische Gesundheit erhalten kann, wenn er vier Bereiche des Lebens harmonisiert: Körper/Sinne – Arbeit/Leistung – Kontakt/Beziehungen – Fantasie/Zukunft/Sinngebung.  

Zu diesem vierten Aspekt erklärt er, dass es wichtig sei, die intuitiven und phantasievollen Ressourcen zu nutzen und damit die nahe und ferne Zukunft optimistisch und Sinn gebend zu entwerfen. Dies reicht über die unmittelbare Wirklichkeit hinaus und führt zum Sinn jeglicher Tätigkeit oder des ganzen Lebens.

Die schöpferische Muße dient dem Bereich Sinngebung und Zukunft. Durch das Philosophieren stellt man sich den tiefen Fragen des Lebens – woher komme ich, wohin gehe ich und warum lebe ich überhaupt? Durch Ruhe und Zurückgezogenheit nimmt man sich Zeit für die inneren Dimensionen, den Kontakt mit seinem Selbst, praktiziert Betrachtung und Meditation. Oder man lebt durch Schreiben, Dichten, Malen, Musizieren etc. seine Kreativität.

Die Muße ist eine geistige und seelische Tätigkeit und fordert den Menschen im Inneren. Sie bringt uns mit unseren Zielen in Kontakt, nach denen wir die Lebensgestaltung ausrichten können. So werden wir jene Liebhabereien auswählen, die dem Sinn unseres Lebens dienen – und ihnen jetzt schon einen Platz in unserem Alltag einräumen – und nicht erst dann, wenn es möglicherweise zu spät ist.

„Einen Tag ungestört in Muße zu verleben heißt, einen Tag lang ein Unsterblicher zu sein.“–

Aus China

Gudrun Gutdeutsch


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