Die Mäßigung oder ein Rabbi auf Reisen
Im 13. Jahrhundert lebte in der Stadt Haifa ein Rabbi, der wegen seiner Frömmigkeit bekannt war. Er wohnte in einem Haus ohne Möbel. Eines Tages kam ein sehr reicher Händler in diese Stadt, der den Rabbi seit der Kindheit kannte. Er war müde von der Reise durch die unwirtlichen Wüsten und wünschte, seinen alten Spielgefährten zu besuchen. Nach dem Austausch von Höflichkeiten und ehrwürdigen Verbeugungen fragte der Händler: "Sag, wieso sehe ich keine Möbel bei dir?" Darauf antwortete der Rabbi: "Und deine Möbel... ich sehe sie auch nicht." "Ach - du wirst doch nicht wollen, dass ich meine Möbel auf der Reise mitschleppe. Sie fallen mir doch nur zur Last." Der Rabbi lächelte und sprach: "Warum wunderst du dich dann, dass ich keine Möbel besitze? ... auch ich befinde mich auf Reisen ... auch ich bin unterwegs ... wie wir es alle in diesem Leben sind."
Die Mäßigung zählt - wie die Klugheit, die wir in der letzten Folge der Serie "Lebenskunst" kennen gelernt haben - zu den vier Kardinaltugenden der Antike. Und sie ist weit von unserem gesellschaftlichen Ideal des Überflusses, des Konsums und des immerwährenden Wirtschaftswachstums entfernt. Die Mäßigung ist eine Tugend für alle Zeiten, doch am nötigsten ist sie in den "fetten Jahren". Heute sind wir Sklaven unseres Besitzes, unserer Genusssucht, des Materialismus. Größer, schneller, höher und immer mehr ist die Devise. Und nie ist man befriedigt, die Unersättlichkeit steigt. Unsere Umwelt und die eigene Gesundheit leiden. Menschen verarmen, wo andere immer reicher werden. Es herrscht das Ungleichgewicht.
Dabei bedeutet Mäßigung keineswegs, gar nicht zu genießen oder möglichst wenig zu genießen. Das wäre nicht Tugend, sondern Tristesse, nicht Mäßigung, sondern Kasteiung, nicht Maßhalten, sondern Verklemmtheit, meint André Comte-Sponville in seinem Buch "Anleitung zum unzeitgemäßen Leben".
Mäßigung ist Maßhalten im sinnlichen Begehren, sie ist gebildeter, beherrschter, kultivierter Geschmack. Die Mäßigung ist eine bewusste Regulierung des Lebenstriebes und bedeutet die Herrschaft der Seele über die vernunftwidrigen Regungen unserer Affekte und Gelüste. Mäßigung oder Mäßigkeit ist Selbstbeherrschung, sie ist eine echte Tugend, die man sich erwerben muss und kann. Sie hängt eng zusammen mit dem Willen und seiner "kleinen Schwester", der Disziplin. Mäßigkeit ist also ein Verdienst und ein Erwerb. Aristoteles würde sagen, sie ist eine Gratwanderung zwischen den beiden Abgründen Unmäßigkeit und Sprödheit, zwischen der Freudlosigkeit der Ausschweifung und der des Nicht-genießen-Könnens, zwischen dem Ekel der Völlerei und dem der Magersucht.
Thomas von Aquin weist darauf hin, dass die Mäßigkeit die anderen Kardinaltugenden (Klugheit, Mut, Gerechtigkeit) an Schwierigkeit oft übersteigt. Warum? Hier sind wir im Alltag gefordert! Jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Rauche ich schon wieder eine Zigarette? Trinke ich noch ein Glas Wein? Nehme ich mir von den leckeren Speisen noch einmal nach, obwohl ich schon satt bin? Kaufe ich diesen Gegenstand, obwohl ich seiner nicht bedarf? Reagiere ich unangemessen?
Es ist wesentlich schwieriger, den "Drachen des Alltäglichen" zu besiegen, als eine einmalige mutige Großtat zu begehen. Heldentum im Alltag ist zwar weniger spektakulär, dafür umso nachhaltiger. Der Unmäßige ist ein Gefangener seiner Begierden oder Gewohnheiten.
Epikur rühmte die "autarkeia", die Selbstgenügsamkeit. "Die Selbstgenügsamkeit halten wir für ein großes Gut, (...) damit wir mit wenigem zufrieden sind, wenn wir nicht viel haben." Die Mäßigung ist ein Mittel zur Unabhängigkeit und diese wiederum ein Mittel zum Glück. Maßvoll sein heißt, mit wenigem zufrieden sein können; entscheidend ist nicht das Wenig, sondern das Können: die Genügsamkeit.
Ebenfalls von Epikur stammt der Satz: "Die schönste Frucht der Selbstgenügsamkeit ist Freiheit." Und von Sokrates ist überliefert, dass er auf dem Marktplatz von Athen zwischen den Händlern und deren feilgebotenen Waren umherging und glücklich darüber war, so vieles zu sehen, dessen er nicht bedurfte. Wie nützlich ist diese Haltung heute, um vom "Haben-Diktat" der modernen Konsumgesellschaft nicht versklavt zu werden!
Damit Sie bei Ihrem alltäglichen Drachenkampf mäßig bleiben, hier ein paar praktische Ratschläge (u.a. inspiriert durch den Bestseller "Simplify your life"):
1.) Machen Sie es wie der Rabbi, befreien Sie sich von unnötigem Ballast. Entrümpeln Sie Ihre Wohnung, Ihre Kleiderschränke, Dekorationsgegenstände, Bücherregale usw. Behalten Sie nichts Unnötiges. Es wird sich auf Ihr Unbewusstes klärend und erhellend auswirken.
2.) Ent-leeren Sie Ihren Schreibtisch. Werfen Sie so viel wie möglich weg, schaffen Sie geeignete Ablagemethoden und sortieren Sie Ihre Unterlagen. Räumen Sie Ihren Schreibtisch immer auf.
3.) Kaufen Sie nichts, was Sie nicht wirklich brauchen. Lassen Sie sich von der Werbung und den allseits herrschenden Super-Angeboten nicht verführen. Genießen Sie es, nichts zu kaufen.
4.) Essen Sie nur, bis Sie satt sind. Trinken Sie Alkohol nur zu den Mahlzeiten. Genießen Sie jeden Bissen, nehmen Sie sich Zeit zum Kauen und erleben Sie, mit wie wenig Sie auskommen können. Essen Sie nicht zwischen den Mahlzeiten.
5.) Mäßigen Sie Ihre Gefühle und Ihre Ausdrucksformen. Mit freundlicher Gelassenheit, Ruhe und Höflichkeit erzeugen Sie eine angenehme Atmosphäre - für Ihre Mitmenschen und für sich selbst.
Viel Freude mit der neuen Einfachheit wünscht Ihnen
Gudrun Gutdeutsch



