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Die Partnerschaft oder ein Scheich in Bedrängnis

Ein Scheich hatte zwei Frauen, die er beide sehr liebte. Eines Tages erstand er auf dem Basar zwei gleiche goldene Halsketten, die er nach glücklichen Stunden seinen Frauen schenkte, verbunden mit der Bitte, der anderen nichts davon zu sagen. Eines Tages kamen die beiden Frauen, erregt durch Rivalität und Eifersucht, zu ihm und wollten von ihm wissen, welche von beiden er am meisten liebte. Er versicherte ihnen ein ums andere Mal, dass er beide gleich lieb hätte, allein, sie ließen nicht von ihm ab. Da er dem Drängen seiner Frauen nicht mehr ausweichen konnte, senkte der Scheich verheißungsvoll die Stimme und flüsterte: "Wenn ihr es unbedingt wissen wollt, sage ich euch die Wahrheit: Diejenige, der ich die goldene Kette schenkte, liebe ich am meisten." Beide Frauen blickten einander triumphierend an und zufrieden gingen sie ihres Weges.

Jedem Menschen sind zwei Grundfähigkeiten angeboren - so lehrt die Positive Psychotherapie nach Nossrat Peseschkian - die Liebes- und die Erkenntnisfähigkeit. Je nach den Bedingungen seiner Persönlichkeit, seines Schicksals, der Kultur und des Umfelds, in dem er lebt, werden diese Grundfähigkeiten entwickelt und differenziert. C.G. Jung nannte diese beiden Fähigkeiten das Eros- und das Logosprinzip.

Liebesfähigkeit ist die Fähigkeit, zu lieben und geliebt zu werden. Jeder Mensch ist imstande, Beziehungen zu anderen Menschen, Wesen, der Umwelt und zu anderen Lebensbereichen aufzunehmen. Erkenntnisfähigkeit ist die Fähigkeit zu lernen und zu lehren, d.h. dass man unterscheiden, beobachten und erkennen kann, die Umwelt reflektiert und angemessen reagiert. Beide Grundfähigkeiten stehen in funktionalem Zusammenhang. Die Entwicklung der einen unterstützt und entwickelt die Entwicklung der anderen.

Um also reife und glückliche Beziehungen pflegen zu können, brauchen wir beides, Herz und Verstand. Seit einigen Ausgaben ist die Rubrik "Lebenskunst" dem Geheimnis der Liebe auf der Spur, diesmal widmen wir uns dem Thema Partnerschaft. Keine Angst, liebe Leserin, lieber Leser, es geht nicht nur um "klassische" Liebesbeziehungen. Wir werden ein paar Gesetzmäßigkeiten erkennen, die sich auf alle Beziehungen im Leben anwenden lassen ...

Leben und Lieben gelingt, wenn eine Balance herrscht zwischen der Liebes- und der Erkenntnisfähigkeit. Aus der Liebesfähigkeit entwickeln sich weitere Tugenden, unter anderem Vertrauen, Hoffnung, Glaube, Geduld, Zeit, Kontakt und Einheit. Die Erkenntnisfähigkeit differenziert sich in Gerechtigkeit, Zuverlässigkeit, Genauigkeit, Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit, Fleiß usw. - also Tugenden, die uns im Westen sehr wichtig sind, wohingegen die aus der Liebesfähigkeit erwachsenden Tugenden im Orient einen sehr hohen Stellenwert genießen.

Immer wenn wir etwas Neues beginnen, durchlaufen wir mehrere Phasen. Nossrat Peseschkian beschreibt diese Stadien in seinem Buch "33 und eine Form der Partnerschaft" (inspiriert vom Titel der "Märchen aus 1001 Nacht") als die drei Grundformen partnerschaftlicher Beziehungen, die einander nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Das Stadium der Verbundenheit

In dieser Phase dominiert die Liebesfähigkeit. Wir suchen und finden einen Partner und oft idealisieren wir ihn, fühlen uns mit einer Gruppe von Menschen verbunden, fühlen uns zu Ideen, Idealen hingezogen, begeistern uns für neue Dinge ...

Die Liebesfähigkeit bezieht sich auf vier Bereiche, erstens auf das Ich, also die Liebe zu mir selbst, wie ich mich selbst liebe oder ablehne, zweitens auf das Du - wie ich auf den Partner zugehen kann mit der Fähigkeit zu lieben und geliebt zu werden. Dann auf das Wir - welche Beziehung ich zu anderen Menschen und zur Gemeinschaft habe, und schließlich viertens auf das Ur-Wir: In welche Weltordnung fühle ich mich eingebunden, welche Weltanschauung oder Religion nimmt Einfluss auf meine Beziehungen.

Steht das Bedürfnis nach Verbundenheit immer im Vordergrund, bleiben wir in Abhängigkeiten stecken, können uns nicht abgrenzen oder fliehen entweder in die Einsamkeit oder in den Kontakt.

Das Stadium der Unterscheidung

In dieser Phase herrscht die Erkenntnisfähigkeit vor. Der Verstand und das kritische Denken erwachen. Man lernt den oder die anderen Menschen besser kennen, ihre Stärken und Schwächen, fühlt sich von manchen Dingen angezogen oder abgestoßen oder ist ent-täuscht. Die Erkenntnisfähigkeit hinterfragt vier Bereiche und erkennt hier möglicherweise Konflikte: erstens den Körper und das Sinnesleben, zweitens das Thema Leistung (Fleiß, Ordnung, Pünktlichkeit, Zuverlässigkeit), drittens den Kontakt und viertens das Thema Phantasie und Zukunftsplanung.

Dominiert die Unterscheidung immer, kann es zu Zwanghaftigkeit, Pedanterie, Perfektionismus und Formalismus kommen. Den sachlichen Themen wird Vorrang gegeben, man flüchtet vor den Emotionen in die Aktivität, in den Aktionismus.

Das Stadium der Ablösung

Dies ist die reife Phase der individuellen, ganzheitlichen Persönlichkeit, die Vereinigung von Liebes- und Erkenntnisfähigkeit. Der engen Verbundenheit und der Phase der Unterscheidung folgt die reife Liebe. Man sucht Eigenständigkeit, gibt der Selbstverwirklichung Vorrang vor der Partnerschaft und lernt, Grenzen zwischen dem Ich und dem Du zu ziehen. Schließlich schafft man es - in welcher Form auch immer, es muss nicht physisch sein -, sich von dem Partner zu lösen und zu trennen. Diese Phase kennzeichnet reifende und reife Persönlichkeiten.

Leider schwanken viele Menschen zwischen Ablösung und Verbundenheit. Sie möchten eigenständig sein, können diese Selbstständigkeit aber nicht ertragen. Oder sie wünschen sich die Zuneigung eines Partners, entfliehen aber dann der Enge und den Verpflichtungen des Alltags ... Solche Menschen lassen sich von außen stark lenken und erscheinen als unreif, sprunghaft und unberechenbar.

Die "reife Liebe" der Phase der Ablösung hat Khalil Gibran wunderbar poetisch ausgedrückt:

(...)

Ihr wurdet zusammen geboren, und ihr werdet auf immer zusammen sein.

(...)

Aber lasst Raum zwischen euch.

Und lasst die Winde des Lebens zwischen euch tanzen.

(...)

Gebt eure Herzen, aber nicht in des Anderen Obhut.

Denn nur die Hand des Lebens kann eure Herzen umfassen.

Und steht zusammen, doch nicht zu nah:

Denn die Säulen des Tempels stehen für sich,

Und die Eiche und die Zypresse wachsen nicht im Schatten der anderen.

Viel Erfolg bei der "einen" Partnerschaft!

Ihre Gudrun Gutdeutsch


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