Die Sanftmut oder das bessere Schwert
Zwei legendäre Schmiede, die zu den besten ihres Fachs gehören, wollen sehen, wer von ihnen das bessere Schwert herstellen kann. Sie gehen zu einem kleinen Bächlein. Der erste steckt die Klinge des Schwertes senkrecht in die Mitte des Bachbettes. Eine Feder treibt sachte den Bach hinunter und direkt auf die Klinge zu. Was geschieht? – Die Klinge schneidet, ohne Zutun des Schmiedes, die Feder glatt und sauber in zwei Hälften.
Nun kommt der zweite Schmied an die Reihe. Auch er führt das Schwert senkrecht in den Bach, auch auf seine Klinge treibt direkt eine Feder zu. Was geschieht? – Die Feder macht wie von Zauberhand getrieben, kurz vor der Klinge einen Bogen um sie herum und treibt als ganze Feder weiter den Bach hinab.
„Sanftmut“ beschreibt eine milde, sanfte Wesensart. Sie gilt in manchen Philosophien und Religionen als erstrebenswerter Zustand des Seins und auch als Kennzeichen des wahren Weisen. Denken Sie nur an das Antlitz Buddhas, welches uns in den unterschiedlichsten Darstellungen überliefert ist oder die Abbilder Jesu´. Kennzeichen sind die Ausstrahlung von Gelassenheit, Milde, Friede, Sanftmut und Güte. Betrachten wir das Wort: Die Nachsilbe „-mut“ bedeutet soviel wie Gesinnung, Sinn, Geist, Gemütszustand. Im Mittelhochdeutschen liegt der Wortstamm sanft bei senfte -> sachte (dt.) und im Englischen bei soft. Also sanfter Geist, sachtes Gemüt.
Aristoteles sah die Sanftmut in der Mitte zwischen den Extremen Jähzorn und Unempfindlichkeit oder Laschheit. Die Griechen und insbesondere die Athener behaupteten von sich, der Welt die Sanftmut beschert zu haben und sahen darin das Gegenteil der Barbarei. Sanftmut galt ihnen als Synonym für ihre Zivilisation. Sanftmut – praotes – war für sie also, ebenso wie für uns, das Gegenteil des Krieges, des Zorns, der Gewalt und Härte. Gibt es denn nicht auch einen gerecht(fertigt)en Zorn, notwendige Gewalt und gerechte Kriege? Ja und nein. Der Ehrenkodex der Samurai (Bushido) rief diese japanischen Krieger auf, sieben Tugenden zu verwirklichen, darunter Jin – Wohlwollen gegenüber allen Menschen (universale Liebe). Es wird erzählt, dass ein Samurai nach jahrelanger mühevoller Suche endlich den Mörder seines Daimy?, seines Herrn stellte, um ihm den Kopf abzuschlagen. Er stellte den Mörder und zog sein Schwert. Da spuckte ihm dieser ins Gesicht. Daraufhin steckte er sein Schwert weg, drehte sich um und entfernte sich. Auf die verwunderte Frage, warum er dies getan hätte, antwortete er, dass er im Moment des Angespuckt-Werdens Wut verspürt habe. Sein Ehrenkodex verlange aber von ihm, aus Gerechtigkeit zu töten und nicht aus Zorn.
Bedeutet Sanftmut also Gewaltlosigkeit? Wenn diese genauso wirksam ist, ist sie auf jeden Fall der Gewalt vorzuziehen. Aber Friedliebende, die den Frieden lieben und bereit sind, ihn notfalls auch mit Gewalt zu verteidigen, darf man nicht mit Pazifisten verwechseln, die jeglichen Krieg ablehnen – aus Prinzip. Comte-Sponville meint in „Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben“, dass man wohl das Recht hätte zu kämpfen und auch zu töten, nämlich wenn es nötig ist, um ein größeres Übel zu verhindern, zum Beispiel noch mehr Tote oder noch mehr Leid oder noch mehr Gewalt. Und vergessen wir nicht: die Samurai fordern, dass dieses Kämpfen und Töten immer mit Liebe geschieht…
Die enge Verbindung von Krieg und Liebe schildert uns die so symbolträchtige griechische Mythologie, in der Ares (Mars/Krieg) und Aphrodite (Venus/Liebe) eine langjährige Liebschaft pflegen, aus der u.a. die Kinder Eros und Harmonia hervorgingen. Harmonie als Frucht von Liebe und Krieg? Ja, Harmonie als Vereinigung von Gegensätzen…
Buddha, Jesus, die Samurai – wie wir sehen konnten, ist die Sanftmut also – im Gegensatz zu dem, was man spontan glauben könnte – keine weibliche Tugend. Wenn wir die heutigen Männer betrachten, könnte man sogar meinen, sie sei eine männliche Tugend…
Softies sprechen mit leiser, sanfter Stimme, sind zärtliche Frauenversteher und lehnen Kraft, Kampf, Männlichkeit und Stärke ab. Im Gegensatz zum weit verbreiteten Aberglauben törnt das die Frauen keineswegs an, zumindest nicht alle. Es soll Frauen geben, die solche „Susis“ ablehnen. Dies zumindest nachzulesen in „Stirb Susi“ von Wäis Kiani. Hier die Kurzbeschreibung: Nichts ist schlimmer als der verweiblichte Mann: die männliche "Susi". Wäis Kiani, Expertin in Stil- und Modefragen, rechnet ab mit den Männern, die die "Frau in sich" entdeckt haben und nun kultivieren. Die Wahrheit ist: Die neue frauenfreundliche Züchtung gefällt überhaupt nicht. Sie ist unerotisch, zweckentfremdet und riecht pudrig. Also hält sie ein Plädoyer für die guten alten männlichen Attribute: witzig, provozierend, brillant!
Was ist wahre „männliche“ und wahre „weibliche“ Sanftmut? Männer und Frauen leben die Tugenden jeweils verschieden – denn wir sind nun einmal polar. Es gibt eine männliche und eine weibliche Art, tugendhaft zu sein. Der Mut eines Mannes ist nicht derselbe wie der einer Frau, auch Liebe, Reinheit und Großzügigkeit werden anders gelebt. Männlichkeit ist eine Kraft und Weiblichkeit ein Reichtum.
Was ist weiblich an der Sanftmut? Sie ist Mut ohne Gewaltsamkeit, Stärke ohne Härte, Liebe ohne Zorn. Sie ist liebevolle Kraft im Krieg, freundliches Verzeihen, Geduld und Nachsicht. Sanftmut ist von Liebe und Mitleid begleitet, ist rein und großzügig. Auch hier sehen wir: jede Tugend wird begleitet, geht einher mit einem Gefolge von zahllosen anderen positiven, geläuterten Qualitäten.
Die Sanftmut ist weiblich, ja, aber sie steht Männern wie Frauen gut an. Sanftmut bringt Seelenfriede und Gelassenheit hervor. Im Buddhismus wird die Sanftmut mit „großem Erbarmen“ umschrieben. Das Mitgefühl und der ernsthafte Wunsch, dass Wesen von ihren Leiden frei sein mögen, bestimmen den Charakter der Sanftmut. Der Sanftmütige gerät nicht in unkontrollierten Zorn, sondern gibt durch seine ruhige Haltung ein besänftigendes Vorbild. In Ägypten verehrte man in früheren Zeiten die Gottheit Bastet als die Göttin der Schlacht. Später gab sie diese Funktion an die Löwengöttin Sachmet ab und galt fortan als die sanftmütige Göttin des Mondes und wurde im neuen Reich als Katze dargestellt.
Sanftmut ist die Frucht von überwundenem Zorn, Friede und Ruhe nach der Schlacht (des Lebens und des Alltags), die Ruhe nach dem Sturm. Wer die Verstrickungen der materiellen Welt mit ihren Wünschen, Begierden, rohen und sinnlosen Trieben überwunden hat, hat sein Wesen besänftigt. Und nur in einen derartig geläuterten Geist kann das Göttliche einziehen, wie der bedeutende Humanist Erasmus von Rotterdam (1465 – 1536) erkannte: „Die Sanftmut macht uns empfänglich für den göttlichen Geist“. So sind die großen weisen Männer und Frauen immer mit fried- und liebevollen, sanften Gesichtszügen dargestellt. Blicken wir sie an, zieht Friede ein in unser Herz.
Wie sollen wir Sanftmut praktizieren?
Handeln wir nie (oder möglichst selten) aus Zorn, Wut, Verletzung oder Ärger! Warten wir, bis unser Geist gestillt und in Frieden ist.
Möge Frieden einkehren in Ihr Herz,
Ihre Gudrun Gutdeutsch



