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Die Toleranz oder ein Dachgarten und zwei Welten



Auf dem Dachgarten eines orientalischen Hauses schliefen in einer Sommernacht die Mitglieder einer Familie. Die Mutter sah, voll Missgunst, dass ihre nur widerwillig geduldete Schwiegertochter und ihr Sohn eng aneinander geschmiegt schliefen. Diesen Anblick konnte sie nicht ertragen, weckte die beiden Schläfer und rief: "Wie kann man nur bei dieser Hitze so eng zusammen schlafen. Das ist ungesund und schädlich." In der anderen Ecke des Dachgartens schliefen ihre Tochter und der verehrte Schwiegersohn. Beide lagen voneinander getrennt. Fürsorglich weckte die Mutter die beiden und flüsterte: "Ihr Lieben, wie könnt ihr nur bei dieser Kälte so weit voneinander liegen, ohne euch zu wärmen?" Dies hörte die Schwiegertochter. Sie sprach mit lauter Stimme: "Wie allmächtig ist der Gott! Ein Dachgarten, und so unterschiedlich im Klima."

Toleranz (auch: Duldsamkeit) kommt vom lateinischen Verb tolerare (von "tolus" - "Last") und bedeutet ertragen, durchstehen, aushalten oder erdulden, aber auch zulassen. Toleranz beschreibt die Fähigkeit, das Anderssein oder Andershandeln zu akzeptieren, z.B. bezüglich Herkunft, Religion, Neigungen, Moral oder Überzeugungen.

Toleranz ist heute eine ganz und gar moderne Tugend, in einer globalen Gesellschaft gilt sie als einer der wichtigsten Werte, die das Miteinander der unterschiedlichsten Kulturen und Lebensformen garantieren soll. Von jedem aufgeklärten Bürger des 21. Jhs. erwartet man sie, in der Erziehung führt man zu ihr hin, sie gilt als Grundfeste der modernen Demokratien. Aber sind wir wirklich so tolerant?

Wenn wir genau hinschauen, ist Toleranz häufig eine passive Haltung, man nimmt hin, was man nicht ändern kann, erträgt es, manchmal auch aus einer inneren Überheblichkeit heraus, die einem einflüstert, dass die Handlungen oder Haltungen des/der anderen minderwertig oder verfehlt sind. Achselzuckend wendet man sich ab, vielleicht auch herablassend oder verachtend. Man erspart sich eine aktive oder offene Reaktion, zum Beispiel um des "lieben Friedens" willen.

Und was ist mit der Intoleranz? Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen, sie ist sehr weit verbreitet, ja allgegenwärtig. Vor kurzem erlebte ich in einem Dorf, dass mehrere Einwohner die Bemerkung eines anderen abtaten mit der Aussage "Das ist ja keiner von uns, der ist ja zugewandert ..." Als Städterin war ich erstaunt, in München wäre so etwas undenkbar. Aber jeder von uns kann sich an der eigenen Nase packen, wie gerne be- und verurteilen wir innerlich Ernährungsgewohnheiten, Hobbys, Kleidungsstil der anderen ... immer mit dem (un)heimlichen Hintergedanken, dass unsere Art zu leben oder zu agieren die richtige sei ...

Der Gründer von Neue Akropolis, Prof. Livraga, hat einmal eine ganz einfache Definition der Toleranz gegeben: Leben und leben lassen. Was aber nicht bedeutet, alles zuzulassen. André Comte-Sponville schreibt in seiner "Ermutigung zum unzeitgemäßen Leben": "Tolerieren bedeutet, dass man verurteilen könnte, bedeutet gewähren lassen, was man verhindern oder bekämpfen könnte." Und hier wird die Frage nach der echten und wahren Toleranz wirklich interessant. Wie weit geht sie? Ab wann kann und darf man nicht mehr tolerieren? Was ist dann aktive Intoleranz?

Karl Popper spricht von einem "Paradox der Toleranz": "Wenn man absolut, selbst gegen die Intoleranten, tolerant ist und die tolerante Gesellschaft nicht gegen deren Angriffe verteidigt, werden die Toleranten vernichtet und mit ihnen die Toleranz." Toleranz ist also beschränkt, eine unendliche Toleranz ist keine mehr!

Man darf also nicht alles tolerieren, und man darf auch nicht auf die Toleranz jenen gegenüber verzichten, die sie selbst nicht üben. Hier ist der Mensch in seiner Ethik und Großzügigkeit gefordert: Intoleranz tolerieren, aber aktiv. Eben nicht mit der Haltung, dass man da nichts machen kann, sondern mit der Weisheit eines mündigen Bürgers, dem klar ist, dass die Menschen eben doch nicht gleich, sondern verschieden sind ... Ganz im Gegensatz zu dem, was uns der "Mythos der Gleichheit" oft glauben lassen will. Inspiriert von dem Satz des Sokrates "Besser Unrecht erleiden als Unrecht zu tun" könnte man sagen: besser Intoleranz zu erleiden als selbst intolerant zu sein ...

Wann aber müssen wir aktiv intolerant sein? Wenn es um Leid, Ungerechtigkeit, Unterdrückung, Gewalt, Verleumdungen usw. geht. Hier nichts zu tun ist Egoismus, Gleichgültigkeit oder Schlimmeres. Dann ist es sehr wohl wichtig, aufzustehen, seine Stimme zu erheben, wenn notwendig einzuschreiten. Ohne Angst die eigene Überzeugung zu vertreten. Diese Haltung ist heute sehr gefordert, da ja viele Menschen passiv tolerant sind. Der aktive Bürger ist auch jener, der "Zivilcourage" ausübt, von der Polizei definiert als "mutiges Verhalten", mit dem jemand seinen Unmut über etwas (z.B. Gewaltsituation oder Mobbing) ohne Rücksicht auf mögliche persönliche Nachteile zum Ausdruck bringt.

Das heißt nicht, dass man sich selbst gefährden soll. In Kursen für Zivilcourage und Bürgermut lernt man, was man tun und wie man helfen kann und wie man bei einem An- oder Übergriff vom Opfer zum Gegner wird. Eines der wichtigsten Elemente ist hier: Öffentlichkeit herstellen durch Erheben der Stimme. Dann können die anderen nicht mehr wegschauen und passiv tolerant sein ...

Vor allem aber stellt sich die Frage der Toleranz bei Meinungs-, Glaubens-, moralischen oder philosophischen Themen, also bei der Wahrheitsuche. Keineswegs darf man aufhören - von falscher Toleranz, die Verständnis für alle verschiedenen Zugänge hat, gelenkt - nach der echten und letztendlichen Wahrheit zu streben.

Man kann einen Menschen nie zwingen, anders zu denken, als er denkt. Man kann ihn daran hindern es auszusprechen. Man kann ihn auch nicht zwingen, für wahr zu halten, was ihm falsch zu sein scheint. Glaubensfreiheit, Meinungsfreiheit, Redefreiheit und Kultusfreiheit sollten wir nicht nur tolerieren, sondern hochhalten, respektieren und schützen. Im philosophischen Sprachgebrauch ist Toleranz das Gegenteil zum Fanatismus, Sektierertum, Autoritarismus - kurz zur Intoleranz.

Zum Abschluss ein Zitat von Nelson Mandela: "Wenn ich den Begriff ,Toleranz' gebrauche, dann meine ich damit nicht die bloße Duldung anderer Meinungen. Ich will damit unterstreichen, dass wir davon ausgehen müssen, dass die Wahrheit offen ist und nur erreicht werden kann durch ungehinderten Meinungsaustausch und den Wettbewerb verschiedener Auffassungen."

Und die praktische Übung?

Beobachten Sie sich genau, ob Sie wirklich tolerant sind. Können Sie Meinungen und Lebensgewohnheiten anderer stehen lassen? Wie ist es mit kleinen, fast unmerklichen Intoleranzen? Innerlichen Abwertungen und Vorurteilen? Ich mache diese Übung regelmäßig und bin überrascht ...

Ihre Gudrun Gutdeutsch


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