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Göttliche Liebe oder elf Köpfe und tausend Arme


Die Legende erzählt, dass sich der Bodhisattva Avalokiteshvara schon als Prinz vorgenommen hatte, allen Wesen Beistand zu ihrer Befreiung vom Leiden zu leisten. In einem Eid schwor er, darin niemals nachzulassen, andernfalls würde er in tausend Stücke zerspringen. Er durchstreifte nun alle Bereiche lebenden Seins. Ob Götter, Menschen, Tiere oder Dämonen, überall unterstützte er die Wesen, sich vom Leiden zu befreien. Als er sich umwandte und sein Werk betrachtete, sah er, dass eine Unzahl leidender Wesen nachgeströmt war. Für einen Moment zweifelte er an der Erfüllung seines Gelübdes und zersprang darob in tausend Teile. Daraufhin stoben aus allen Himmelsrichtungen Buddhas herbei, um seine Teile aufzusammeln. Buddha Amitabha, der Buddha der Unterscheidungskraft, setzte Avalokiteshvara wieder zusammen. Er schenkte ihm jedoch tausend Arme, in den Handinnenflächen mit jeweils einem Auge versehen, und elf Köpfe. Dadurch wollte er gewährleisten, dass Avalokiteshvara den Wesen noch effektiver dienen konnte.

In den letzten Folgen der Serie Lebenskunst haben wir verschiedene Aspekte der Liebe kennengelernt: Lieben als Tätigkeit, die man lernen kann; Eros oder die sehnende Liebe; Philia oder die Freundschaftsliebe; die verschiedenen Stadien der Liebe in der Partnerschaft (siehe Abenteuer Philosophie Nr. 115 – 118). Jetzt bleiben uns noch Agape oder die Nächstenliebe und Stoika oder die Interessenliebe.

Die göttliche Liebe oder Agape wird heute mit der christlichen Nächstenliebe assoziiert. Agape ist abgeleitet vom griechischen Verb „agapao“, jemand mit Achtung behandeln, lieben. Plotin, ein neuplatonischer Philosoph aus dem dritten Jahrhundert n. Chr., verwendete den Begriff für die herabsteigende Liebe, bei der man sich verschenkt, dem anderen zuwendet, ihm dient. Und er setzte dieser Liebe den Eros entgegen, jene Liebe, die den einzelnen durch die Liebe zum Schönen erhöht und bis zum Archetyp der Schönheit selbst erhebt.

Im Lateinischen wird diese vollkommen uneigennützige Liebe mit Caritas übersetzt, im Buddhismus kennt man sie als das charakteristische Mitleid des eingangs erwähnten indischen Avalokiteshvara, wörtlich „Der Herr, der die Welt betrachtet“.

Was unterscheidet diese Form der Liebe nun von den anderen, weiter oben erwähnten Aspekten: dass sie alles gibt und nichts erwartet. Weil sie göttlich ist und sich verschenkt, wie die Sonne. Für uns Menschen ist dies eine Inspiration, der wir uns annähern können.

Wie wir ja in den letzten Folgen der „Lebenskunst“ gesehen haben, schwingt im Begriff „Liebe“ oft der Wunsch mit, geliebt zu werden. Und meist lieben wir den oder die anderen, weil wir durch sie hindurch uns selbst lieben. Als Verliebte spiegeln wir uns in unserem Geliebten, als Eltern in unseren Kindern, wir lieben unsere Freunde, weil sie uns lieben. Und diese Liebe zu unseren Freunden (dahinter steckt ja die Liebe zu uns selbst) hindert uns daran, unsere Feinde zu lieben.

Ist es möglich, jemanden zu lieben, der uns lästig, unsympathisch ist, den ungepflegten Obdachlosen, der nach Alkohol stinkt, den Angreifer, der uns Böses will? Wäre das nicht dumm, naiv, gefährlich? Nein, es wäre göttlich.

Damit will ich keine Lanze brechen für Passivität, Erdulden, Selbstverleugnung. Sondern aufzeigen, was gemeint ist, wenn es in der Bibel heißt: „Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn wenn ihr liebt, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und wenn ihr nur zu euren Brüdern freundlich seid, was tut ihr Besonderes?“ (Matthäus 5,43 ff)

Müssen wir nicht zuerst uns selbst lieben, bevor wir andere und schließlich auch unsere Feinde lieben können? Nach Erich Fromm bedingen Liebe zu anderen Menschen und Selbstliebe einander, die Liebe zum eigenen Selbst ist untrennbar mit der Liebe zu anderen verbunden. Wer sich selbst liebt, kann gleichzeitig andere lieben. Wer egoistisch und selbstsüchtig ist, liebt sich nicht, sondern – so meint Fromm – hasst sich selbst sogar. Selbstsüchtige Menschen sind unfähig, andere zu lieben; sie sind jedoch genauso unfähig, sich selbst zu lieben. Wahre Liebe ist nicht ausgrenzend, sondern einschließend. Und sie kann einerseits durch bewusste Reflexion und andererseits durch tiefe Hingabe wachsen und sich ausdehnen. Liebe wächst in dem Maße, wie man sie verschenkt.

Die Agape ist vornehme Zurückhaltung, sie bedeutet, dem anderen etwas mehr Raum geben als sich selbst, Sanftheit und Selbstbegrenzung der eigenen Macht, der eigenen Kraft, des eigenen Seins. Man opfert das eigene Vergnügen, Wohlergehen, die eigenen Interessen. Und das kann man, weil man in sich die Fülle trägt, weil man nichts braucht, nichts für sich begehrt. Das ist Liebe, die das eigene Ego nicht verstärkt, sondern zurücktreten lässt. Und das ist die Liebe, die gibt, und zwar nicht nur dem Freund, sondern dem Fremden, ja sogar dem Feind.

Das ist göttliche Liebe. Und da der Mensch etwas Göttliches in sich trägt, kann er diese Dimension der Liebe erreichen. Vielleicht nicht sofort, aber im Laufe der Existenzen.

Der schwedische Theologe Anders Nygren schrieb: „Die Liebe Gottes ist absolut spontan. Sie sucht kein Motiv im Menschen. Zu sagen, dass Gott den Menschen liebt, heißt nicht ein Urteil über den Menschen, sondern über Gott abzugeben. (…) Nicht der Mensch ist liebenswert, sondern Gott ist Liebe.“

Diese göttliche Liebe kann die Welt verwandeln, transformieren, was wir lieben, bekommt für uns eine andere, neue, tiefere Kraft, kann uns erhöhen, unser Bewusstsein erweitern. Wir lieben eine Sache nicht, weil sie liebenswert ist, sondern sie wird liebenswert, weil wir sie lieben. Auch Menschen werden für uns liebenswert in dem Maße, wie wir sie lieben. Denn – Lieben ist eine Tätigkeit!

Nächstenliebe ist universell, richtet sich an Freunde, Feinde, Gleichgültige. Sie ist freudiges Akzeptieren aller anderen. Sie ist eine vom Ego und der Selbstsucht befreite Liebe, die zugleich befreit.

Die göttliche Liebe erhebt sich über jeden möglichen Besitz, jeden Menschen, jede Vorliebe bis zu jenen Ebenen des Seins, wo es an nichts mehr fehlt und alles uns erfreut und wir selig und mit allem verbunden sind. Dies wurde von Platon das Gute genannt, von manchen Religionen „Gott“ oder das „Göttliche“, von Mystikern Weltgeist, ewiges Sein, Nirwana etc.

Ich verabschiede mich von Ihnen mit dem Zitat eines indischen Weisen:

„Lassen wir es unser eines großes Ziel und Ideal sein, unsere Liebe so emporzuheben und zu verallgemeinern, dass sie, während sie so tief und innig bleibt, als ob sie nur ein Objekt hätte, doch bereit ist, sich auf jeden Menschen zu konzentrieren und zu jedem Punkte hinzuströmen, wo man ihrer bedarf.“ (N. Sri Ram)


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