Jugendkult und Golden Oldies
Wer kennt sie nicht, die Werbeanzeigen für Gesichtscremes, auf denen Mutter und Tochter abgebildet sind - der gleiche strahlende Teint, fast die gleiche babyglatte Haut, beide zeitlos jung und schön. Glücklich lächeln sie in die Kamera, und unwillkürlich denkt man, dass sie sicher auch die allerbesten Freundinnen sind.
Das heutige Ideal der Jugend und Schönheit geht paradoxerweise einher mit einer zunehmenden Vergreisung unserer Gesellschaft. Im Jahre 2050 wird das Durchschnittsalter in Europa bei 54 Jahren liegen (heute 39). Während die Politiker angesichts dieser beängstigenden demographischen Entwicklung tatenlos bleiben, stellen sich Teile der Wirtschaft bereits um und entwickeln Produkte speziell für ältere Menschen, beispielsweise Mobiltelefone, die E-Mails vorlesen oder größere Displays haben, damit ältere Menschen auch ohne Brille noch etwas erkennen können. Autokonzerne planen Modelle, bei denen körperliche Handicaps ausgeglichen werden können, und Reiseveranstalter machen sich Gedanken über die speziellen Bedürfnisse betagter Menschen, die lieber eine Kreuzfahrt buchen als einen Skiurlaub. Noch nie ging es den Rentnern so gut wie heute. Und nirgendwo auf der Welt werden die älteren Mitbürger so gut versorgt wie bei uns. Ärzte, Krankengymnastik, Medizin, Kur, Rehabilitation, ausgedehnte Reisen, Seniorensport usw. Die "Golden Oldies" sind überall anzutreffen, gut gepflegt, jugendlich, wohlhabend, rüstig und unternehmungslustig. Sie haben kein Problem mit ihrer Identität. Sie wollen ihr Leben genießen, da sie ja schließlich jahrzehntelang hart gearbeitet haben.
In krassem Gegensatz dazu steht die Orientierungslosigkeit jener Generation, die diese von allen so vergötterte Jugend tatsächlich besitzt: die heutigen 15- bis 25-Jährigen. War es noch vor 20 Jahren äußerst erstrebenswert, erwachsen zu werden, haben immer mehr Jugendliche gar keine Motivation, sich einen Platz in der Gesellschaft zu erobern. Die heutige Erwachsenenwelt gibt sich so verbissen juvenil wie nie zuvor. Wohin soll sich der Jugendliche auch entwickeln, wenn ihre Eltern um jeden Preis am Leben ihrer Kinder teilhaben wollen?
Sichtbar ist das schon am Äußeren: Die "Alten" unterscheiden sich in Kleidung, Frisur und Benehmen oft überhaupt nicht von ihren Kindern. Für manche Tochter ist es total "nervig", dass ihre Mutter in dem gleichen Laden einkauft wie sie selbst. Und Väter ziehen Turnschuhe an, setzen sich Baseballmützen verkehrt auf und begleiten ihre Söhne zu Popkonzerten. Den Jugendlichen bleiben immer weniger eigene Räume, weil ihre Eltern sich an denselben Orten breit machen: Sie besuchen die gleichen Kneipen, die gleichen Kinos. Lohnt sich denn das Erwachsenwerden überhaupt noch? Der Sankt Gallener Philosoph Dieter Thomä dazu: "Wer die Räume seiner Kinder besetzt, nimmt Pubertierenden das Gefühl des langen, schwierigen Weges, der irgendwann einmal zum Erwachsensein führt." Die Reise der Kinder auf der Suche nach ihrer Zukunft endet dort, wo sie sich schon befinden. Wie sollen Jugendliche erwachsen werden, wenn die Erwachsenen immer jugendlicher werden? Die Jugend ist allgegenwärtig und ein Hauptkennzeichen der weltweiten materialistischen Einheitskultur geworden.
Andererseits kann die Jugend kein vom physischen Alter abhängiger Zustand sein, vorgegeben von der Anzahl der Geburtstage. Auf der Suche nach der ewigen, unvergänglichen Jugend habe ich für mich folgende Anhaltspunkte definiert.
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Zu seinem Alter stehen: Egal, wie viele Jahre wir zählen, unser Alter ist ein Kennzeichen unserer Persönlichkeit, so wie unsereHaarfarbe oder unsere Fähigkeiten. Seien wir stolz darauf, so undso viele Jahre Erfahrungen gesammelt zu haben. Freuen wir uns überdie gewonnene Gelassenheit und Weisheit. Hadern wir nicht mit dem Älterwerden und nennen wir mutig unser Alter, wenn wir danach gefragt werden.
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Seine Würde bewahren: In dem berühmten Text "Desiderata" heißt es:
"Beuge dich freundlich dem Rat der Jahre und gib mit Anmut jeneDinge aus der Hand, die der Jugend vorbehalten sind." Reflektieren wir unser Verhalten und vermeiden wir unangemessene und möglicherweise geschmacklose Jugendlichkeit.
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Den Tod als Freund sehen: Die Seele ist unsterblich, der Tod ist nur der Übergang in eine andere Seinsform. Die Stoiker sagten: Sterben müssen wir das ganze Leben lernen! "Zelebrieren" wir die kleinen Tode des Lebens, die auch immer mit einem neuen Lebensabschnitt verbunden sind (Geburtstag, Neujahr, Abschluss einer Lebensphase, usw.) ohne Angst und mit dem Bewusstsein, dass es kein endgültiges Ende gibt.
Auf die innere Jugend kommt es an: Aus der Klassik kennen wir die "Goldene Aphrodite", die die Göttin der ewigen, inneren Jugend darstellt. Was dies bedeutet, entnehmen wir einer dem römischen Philosophenkaiser Marc Aurel zugeschriebenen Rede an seine Soldaten, ein bewegender Aufruf zur Entdeckung seiner eigenen, ewigen Jugend.
Jung sein - Rede von Marc Aurel an seine Soldaten
Die Jugend kennzeichnet nicht einen Lebensabschnitt, sondern eine Geisteshaltung; sie ist Ausdruck des Willens, der Vorstellungskraft und der Gefühlsintensität. Sie bedeutet Sieg des Mutes über die Mutlosigkeit, Sieg der Abenteuerlust über den Hang zur Bequemlichkeit.
Man wird nicht alt, weil man eine gewisse Anzahl Jahre gelebt hat. Man wird alt, wenn man seine Ideale aufgibt. Die Jahre zeichnen zwar die Haut - Ideale aufgeben aber zeichnet die Seele. Vorurteile, Zweifel, Befürchtungen und Hoffnungslosigkeit sind Feinde, die uns nach und nach zur Erde niederdrücken und uns vor dem Tod zu Staub werden lassen.
Jung ist, wer noch staunen und sich begeistern kann. Wer wie ein unersättliches Kind fragt: Und dann? Wer die Ereignisse herausfordert und sich freut am Spiel des Lebens. Ihr seid so jung wie euer Glaube. So alt wie eure Zweifel. So jung wie euer Selbstvertrauen und eure Hoffnung. So alt wie eure Niedergeschlagenheit. Ihr werdet jung bleiben, solange ihr aufnahmebereit bleibt:
Empfänglich für das Schöne, Gute und Große; empfänglich für die Botschaften der Natur, der Mitmenschen, des Unfasslichen. Sollte eines Tages euer Herz geätzt werden von Pessimismus, zernagt von Zynismus, dann möge Gott Erbarmen haben mit eurer Seele - der Seele eines Greises.
Anmerkung:
DIE DESIDERATA: Desiderata ist lateinisch für "things to be desired" "etwas Wünschenswertes" geschrieben von Max Ehrmann (1872-1945), vervielfältigt und weiterverbreitet durch den US-amerikanischen Pfarrer und Rektor Frederick W. Kates, der es auf dem Briefpapier seiner Kirche "Old Saint Paul's Church, Baltimore, founded 1692" weitergab.



