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Kaufkult und Konsumrausch


Kurz nach dem Jahreswechsel sind wir froh, dass der Weihnachtsstress vorbei ist, und dass wir uns nicht mehr - wie Tausende unserer Mitbürgerinnen und Mitbürger auch - durch die Kaufhäuser wälzen "müssen". Da Sie eine Philosophiezeitschrift lesen, gehe ich davon aus, dass Sie diesem Konsum-Wahn mit einiger kritischer Distanz begegnen - wenngleich Sie sich womöglich auch daran beteiligt haben. Es gehört einfach dazu in unserer heutigen Zeit, und wer seinen Lieben seine Zuneigung zeigen will, tut das heutzutage eben oft auch durch ein gekauftes Geschenk.

Doch man kauft nicht nur Geschenke: im Leben unserer modernen westlichen Gesellschaft nimmt das Einkaufen einen sehr hohen Stellenwert ein. Wir haben eine richtige Kaufkultur entwickelt. Oder sollte man nicht treffender sagen, einen "Kaufkult"? Es ist "schick", einkaufen zu gehen, es gehört zur Freizeitgestaltung. Oft ist es auch ein soziales Ereignis. Man geht mit dem Partner, den Kindern, Freunden, Verwandten zum "Shopping". Besonders "in" ist es bei der Jugend. Viele Jugendliche verbringen einen Großteil ihrer Freizeit in Einkaufszentren, und bei manchen Erwachsenen dürfte es ähnlich sein. Menschen, die nicht viel Fantasie bei ihrer Freizeitgestaltung haben, oder aus finanziellen Gründen auch nicht so viele Möglichkeiten, wird das wenige Geld durch die Verlockungen unserer Konsumgesellschaft für völlig Unnötiges aus der Tasche gezogen.

Einkaufen entspannt (scheinbar). Es gibt Leute, die gewisse Enttäuschungen, Misserfolge oder sonstige unangenehme Erlebnisse durch so genannte "Frustkäufe" überwinden wollen. Andere sind sogar "kaufsüchtig", sie können sich nicht mehr selbst begrenzen, verschwenden alles Geld und schöpfen den Rahmen ihrer Scheck- und Kreditkarten vollends aus. Dieses Konsumieren hat schon echte Abhängigkeiten erzeugt, die therapiert werden müssen.

Als ich nach langer Zeit wieder einmal in der Münchner Fußgängerzone unterwegs war, wurde mir plötzlich bewusst, wie viele Menschen hier - und natürlich auch in allen anderen Großstädten der westlichen Welt - mit Einkaufen beschäftigt sind. Sie "pilgern" durch die Neuhauser Straße, mit Tüten beladen, wandeln von einem Geschäft zum anderen, geben sich der Betrachtung der Schaufenster hin ...

Ich erschrak fast, denn mir fiel auf einmal auf, dass das Wort "pilgern" eigentlich religiösen Ursprungs ist. "Pilgerfahrten" hatten und haben (Gott sei Dank gibt es auch heute noch "richtige" Pilgerfahrten) normalerweise einen sakralen Hintergrund. Die Tibeter beispielsweise wandern zum Heiligen Berg Kailash und umkreisen ihn, die Moslems pilgern nach Mekka, viele Europäer gehen den Jakobsweg nach Santiago de Compostela, fahren nach Rom oder besuchen einen der unzähligen kleineren Wallfahrtsorte.

Und der "aufgeklärte" Mensch der Gegenwart? Er hat eine neue Religion! Unsere Tempel sind die Kaufhäuser, unsere geschmückten Götterstatuen die aufgetürmten Waren, unsere Priester die Verkäufer. Unsere heiligen Gesänge tönen aus Kaufhauslautsprechern und sollen beruhigend und entspannend wirken. Unsere Prozessionen finden nicht zu Ehren irgend eines Gottes, einer Göttin oder irgend eines geistigen Prinzips statt, sondern huldigen dem schnöden Mammon. Und wo es einst bestimmte Feiertage gab, an denen die Arbeit ruhte, um in die Kirche gehen zu können oder bei einer Prozession zu Ehren eines Gottes mitzuschreiten, sind heute fast alle Tage dem Gott "Konsum" geweiht, nur am Sonntag kann man normalerweise - zumindest in Österreich und Deutschland - (noch) nicht einkaufen gehen. Aber Gott sei Dank gibt es ja die Flughäfen! Der Münchner Flughafen beispielsweise wirbt mit den Öffnungszeiten rund um die Uhr. Immer, ständig, ununterbrochen kann man kaufen, kaufen, kaufen ...

Philosophen sind Menschen, die sich nie richtig an die Welt gewöhnen können, sagt Jostein Gaarder in seinem Buch "Sofies Welt". Deshalb hinterfragen wir alles, was uns begegnet. Was tun wir Menschen des 21. Jahrhunderts eigentlich? Wie gestalten wir unser Leben? Welche Gewohnheiten haben wir? Wir leben mitten in einer ganz bestimmten Kultur, die ihre Formen, ihre "Rituale" hat. "Schwimmen" wir nicht einfach mit, sondern beobachten und reflektieren wir die moderne Lebensweise!

Wenn wir einen philosophischen Lebensstil führen wollen, dann ist es wichtig, die richtige Einstellung zum Kaufen zu bekommen. Hier kann uns wieder einmal Sokrates ein Vorbild sein, der beim Besuch des Marktes in Athen feststellte: "Wie bin ich froh, zu sehen, was ich alles nicht brauche!"

Galsan Tschinag, ein Nomade vom Stamm der Tuwa, in der Mongolei in traditioneller Lebensweise aufgewachsen, schildert seine Erfahrungen beim Besuch eines Kaufhauses in Deutschland. Er wollte sich ein kariertes Hemd kaufen. Der Verkäufer zeigte ihm eines und dieses Hemd gefiel ihm. Aber lassen wir ihn selbst zu Wort kommen: "Ja, ich nehme das, meinte ich. Nein, nein, wir haben ja noch viel mehr hier. In der Tat, Hunderte von Hemden und da drüben noch mehr. Und er gibt mir nicht mein Hemd, der Hund. Er will mir immer neue zeigen. Ich werde so unsicher. Dann spüre ich so einen Schweißausbruch kommen. Nein, meine ich, dieses Hemd gefällt mir, das nehme ich. Und immer noch will er mir das Hemd nicht geben. Indes fühle ich mich vor einer Lawine, die auf mich zukommt. Plötzlich sehe ich, da türmt sich ein Meer von Waren auf. Solches waren wir nicht gewohnt..."

Wir sind es gewohnt. Wir leben in dieser Überfluss-Gesellschaft. Aber ist dies wirklich dem Menschen, einem geistigen, denkenden Wesen gemäß? Werden im Materialismus nicht eher niedrige Instinkte geweckt, Gier, Neid, Verblendung, "Haben" anstatt "Sein"?

Einige Ideen und Tipps, um in dieser Verbraucher-, Konsum- und Wegwerfgesellschaft einen geistigen, philosophischen Lebensstil zu bewahren:

1) Gehen wir nur einkaufen, wenn es wirklich notwendig ist. Mögen wir ein Zeichen setzen, dass wir diesen Kaufkult nicht mitmachen und Gott Mammon nicht huldigen!

2) Beobachten wir uns genau, wenn wir einkaufen. Lassen wir uns verführen? Welche "Techniken" setzt die moderne Verkaufspsychologie ein, um uns zu "fangen"? Welche Tricks werden benutzt? Wo haben wir einen Impuls, etwas zu kaufen, das wir weder wollen noch brauchen?

3) Kaufen wir möglichst in kleinen Geschäften in unserer Umgebung ein. Unterstützen wir nicht die Mega-Einkaufszentren, die die Existenz der Einzelhändler gefährden. Möglichst geringe Einkaufswege, am besten zu Fuß oder per Fahrrad, sind außerdem umweltfreundlicher.

4) Achten wir auf Menschlichkeit, Höflichkeit und Freundlichkeit beim Einkaufen. Lassen wir uns von der allgemeinen Hektik nicht anstecken. Verkäufer/Verkäuferin und Kunde/Kundin sind Menschen. Nützen wir die Gelegenheit zu positiven zwischenmenschlichen Kontakten.

5) Kaufen wir nach Möglichkeit Produkte, die in der näheren Umgebung hergestellt wurden. Setzen wir so ein Zeichen gegen den weltweiten Warentourismus, der ökologisch und sozial äußerst bedenklich ist.

6) Kaufen wir nach Möglichkeit keine Produkte aus Billigländern. Oft müssen Frauen oder Kinder unter unwürdigsten und ausbeuterischen Bedingungen arbeiten.

7) Üben wir uns in Bedürfnislosigkeit und Bescheidenheit à la Sokrates! Freuen wir uns, dass wir so vieles gar nicht brauchen!

Ihre Gudrun Gutdeutsch


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