Philosophische Exerzitien und die Proben des Schicksals

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Philosophische Exerzitien (oder Übungen) und die Proben des Schicksals

"... die alten griechischen Philosophen wie Epicur, Zeno, Socrates etc. ... sind also der wahren Idee des Philosophen weit getreuer geblieben, als in den neueren Zeiten geschehen ist ....

"Wann willst du anfangen, tugendhaft zu leben?", sagte Platon zu einem alten Mann; der ihm erzählte, daß er die Vorlesungen über die Tugend anhörte. - Man muß doch nicht immer spekulieren, sondern auch einmal an die Ausübung denken. Allein heut zu Tage hält man den für einen Schwärmer, der so lebt wie er lehrt."

Immanuel Kant

Ist der ein Schwärmer, der so lebt, wie er lehrt? Nicht für die antiken Philosophen, die Stoiker, Epikureer und Platoniker! Damals war ein Philosoph nicht nur geistig aktiv, sondern trachtete vor allem danach, seinen Erkenntnissen gemäß zu handeln. Die Philosophie der Antike war eine Lebensform und Lebenskunst. Sie sollte dem Menschen dazu verhelfen, glücklicher und bewusster zu werden. Man verstand die Philosophie als Lebensstil, der die gesamte Existenz und so auch den Alltag prägt. Das Philosophieren bezog sich nicht nur auf das Wissen, sondern auf das Leben im Hier und Jetzt. Es diente dazu, das Sein (und nicht das Haben) wachsen zu lassen. Der Mensch soll so Bewusstsein seiner selbst gewinnen, zu einer objektiven Sicht der Welt gelangen und in Frieden und innerer Freiheit leben.

Heute verstehen wir unter Philosophie leider fast ausschliefllich theoretische und intellektuelle Spekulation. Der französische Philosoph Pierre Hadot (1922 - 2010) meinte, dass die heutige universitäre Philosophie für den normalen Menschen völlig unverständlich und daher für ihn völlig unwichtig ist, denn sie beschränkt sich auf den philosophischen Diskurs.

Doch als die Philosophie im Westen entstand, zur Zeit der griechischen Antike, war sie eine Methode der Menschenformung, die eine neue Lebensweise und ein neues Weltverständnis zum Ziel hatte, also eine tiefgreifende Veränderung des Menschen. Diesen Ansatz finden wir auch in anderen Kulturen, z.B. im Buddhismus. Hier strebt der Mensch nach Freiheit von Leid, Unabhängigkeit von äußeren Gütern und Umständen, Gelassenheit und Erfüllung, die er im geistigen Leben findet.

In West und Ost erkannte man, dass die Hauptursachen für Leid und Unbewusstheit im Menschen selbst liegen, in seinen Begierden, Leidenschaften, Ängsten. Die Herrschaft der Sorge hindert ihn daran, wirklich zu leben. Bewusste philosophische Lebenskunst nützt den Alltag als Übungsfeld, Ziel ist eine tief greifende Transformation des Menschen, seines Denkens und Handelns. Denn er kann sich täglich dafür entscheiden und daran arbeiten, glücklich zu sein - trotz aller Schwierigkeiten.

Die Stoiker beispielsweise waren wie die Buddhisten der Meinung, dass das Leid des Menschen in seinem Haften an Gütern und Lebensumständen begründet ist. Um sich davon zu lösen, muss er unterscheiden, was in seiner Macht liegt und was nicht. Die Philosophie erzieht den Menschen dazu, nur das erreichen zu wollen, was er erlangen kann, und alles andere - das nicht in seiner Macht steht - als vom Schicksal auferlegte Probe zu sehen, in der er seine moralische Güte und Festigkeit beweisen kann.

Das Schicksal - die Inder nennen es Karma - wird von der Allnatur beherrscht, die jenseits der menschlichen Realität steht und den Menschen in einen großen Seinszusammenhang, das "Dharma" stellt. Hier ist er "macht-los", hier muss er sich fügen und dem groflen Entwicklungsplan unterordnen. Wenn er sich nicht auflehnt, sondern daran arbeitet, die Naturgesetze zu verstehen, wird er zu einer "natürlichen" Sichtweise der Dinge gelangen, in der jedes Ereignis aus dem objektiven Blickwinkel der Allnatur betrachtet wird.

Die antike Philosophie als Suche nach der Wahrheit bietet geistige Übungen, Exerzitien, damit wir zu dieser objektiven, von Egozentrismus freien Sichtweise gelangen. In den Philosophieschulen waren praktische Übungen Teil des täglichen Lebens und des traditionellen mündlichen Unterrichts. Es sind uns verschiedene Übungen überliefert, u.a.: Untersuchung, gründliche Prüfung, Lektüre, Anhören, Wachsamkeit, Selbstbeherrschung, Meditationsübungen, Ausübung der Pflichten.

Die nächsten Nummern von "Abenteuer Philosophie" werden einzelnen Elementen der "philosophischen Exerzitien" gewidmet sein, damit unser Leben zum Übungsfeld wird und wir jeden Tag kleine Schritte unternehmen können, um glücklicher, freier und vor allem bewusster zu leben.

Wer sich tiefer mit philosophischer Lebenskunst beschäftigen will, der kann bei "Treffpunkt Philosophie" in zahlreichen Städten in Österreich und Süddeutschland Philosophiekurse belegen. Nach dem Vorbild der antiken Traditionen wird hier "praktische Philosophie" gelehrt. Man studiert Weisheitslehren aus Ost und West und bezieht auch andere Disziplinen wie Psychologie, religiöse Traditionen, Künste und Wissenschaften mit ein.

Sie lernen dabei, sich auf jeden Moment des Lebens zu konzentrieren, sich des unermesslichen Wertes jedes einzelnen Augenblicks bewusst zu werden, indem sie ihn aus der Perspektive des groflen Ganzen sehen. Denn Philosophie - die Liebe zur Weisheit - schlieflt die kosmische Dimension, die Allnatur mit ein.

Damit Sie gleich mit Ihren Exerzitien beginnen können, möchte ich Ihnen - wie es Tradition ist - eine konkrete Übung vorschlagen. Ich möchte Sie ermutigen, jeden Abend eine Reflexion zu machen und Ihren Tag nach folgenden drei Regeln zu überprüfen. Idealerweise schreiben Sie dies in ein Tagebuch:

Erstens: Wo habe ich heute das Wirken der Allnatur auf mein Leben erkennen können? Welche Dinge standen nicht in meiner Macht und wie habe ich darauf reagiert? Habe ich mich dabei moralisch aufrecht verhalten?

Zweitens: Wie habe ich mich heute meinen Mitmenschen gegenüber verhalten? War ich gerecht und habe ich der menschlichen Gemeinschaft gedient?

Drittens: Wie habe ich mich heute mir selbst gegenüber verhalten? Habe ich Körper, Seele und Geist gleichermaflen ernährt?

Eine erkenntnisreiche Tagesrückschau wünscht Ihnen

Ihre

Gudrun Gutdeutsch


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