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Über den Beginn des Tages


Die vorige Folge der Serie hat Ihnen zum Jahresanfang Übungen vorgeschlagen, durch die Sie mit Ihren Mitmenschen und mit sich selbst in eine tiefere Beziehung treten können. Ich hoffe, Sie konnten den einen oder anderen Vorschlag anwenden oder tun es noch immer. Das erste Viertel des Jahres 2001 ist schon wieder um - manchmal hat man den Eindruck, dass einem die Zeit davonläuft. Je schneller aber die Zeit zu vergehen scheint, umso wichtiger ist es, diese dahinrasende Zeit auch auszunützen, um an der Selbstvervollkommnung zu arbeiten. Nicht Geld, Karriere, materielle Güter sind das wahre Ziel, sondern allein der Besitz seiner selbst, das geistige Leben. Nicht das Haben, sondern das Sein!

Das Geheimnis eines wirklich erfüllten Lebens besteht darin, dass man sich einen "geistigen" Lebensstil angewöhnt, bei dem das Beschäftigen mit seinen spirituellen Dimensionen genauso alltäglich wird wie Essen, Schlafen oder die anderen Verrichtungen des täglichen Lebens. Das ist natürlich in unserer heutigen Zeit eine wirklich große Herausforderung, denn wir werden ständig "verführt", uns zu veräußerlichen. Unsere Sinne werden von den verschiedensten, immer greller werdenden Eindrücken bombardiert, Werbung, Fernsehen, alles bekommt ein immer größeres Tempo, alles beschleunigt sich. Ununterbrochen werden wir von blinkenden Lichtern, Musik in Kaufhäusern, Werbeunterbrechungen im Fernsehen usw. abgelenkt. Wir leben in einer ständigen Zerstreuung, und es fällt uns immer schwerer, uns zu konzentrieren oder wirklich lange bei einer Sache zu bleiben.

Die "Geschwindigkeit" des Geistigen jedoch ist eine ganz andere, da unser Geist am Ewigen Anteil hat. Die östlichen Traditionen lehren, dass die Seele des Menschen unsterblich ist und sich von Inkarnation zu Inkarnation weiterentwickelt. Unser geistiges Fünkchen wäre demnach ewig und würde in den einzelnen Leben auf Erden lernen, bis wir das "Allbewusstsein" oder "Buddha-Bewusstsein" erlangt haben, also eins geworden sind mit dem göttlichen Geist, und den "Irrwahn des Getrenntseins" überwunden haben. Dieser "Irrwahn" wird in der "Stimme der Stille", in einem tibetischen Weisheitsbuch, erwähnt und lässt uns glauben, dass wir Menschen voneinander und von der Schöpfung getrennt sind und dass wir miteinander nichts zu tun hätten. Wir sind jedoch - so lehrt die "Stimme der Stille" weiter - in einer großen ganzheitlichen kosmischen Einheit miteinander verbunden: Alles ist eins.

Dieses Allbewusstsein und das Wissen um die Einheit allen Seins müssen wir in unseren Aufenthalten auf Erden lernen, außerdem das Lieben, und wir müssen ein Bewusstsein dafür entwickeln, dass wir geistige Wesenheiten sind und dass unser Körper mitsamt Gefühlen und Verstand nur ein "Fahrzeug" für das wahre geistige Ich in uns ist. Der Körper mit seinen Gefühlen und dem Verstand ist sterblich, und unser Ich, die unsterbliche Seele, lebt weiter und nimmt die Erfahrungen jedes Lebens mit. So durchschreiten wir ein Leben nach dem anderen, als wären es Schulklassen mit bestimmten Lernaufgaben.

Nur von uns selbst hängt es ab, ob wir schnell oder langsam vorankommen. Das Schicksal gibt uns immer wieder Hinweise, es schickt uns Proben, Leid, Schwierigkeiten. Meist gefällt uns das gar nicht, wir fühlen uns gestört und in unserem bequemen Dahinleben gehindert. Diese Probleme aber sollten wir als Chancen annehmen weiterzukommen, zu wachsen, uns zu verändern. Wir brauchen eine positive Einstellung zu Problemen und den Herausforderungen, vor die sie uns stellen. Probleme sind ein Aufruf zur Veränderung, zum Hinterfragen der eigenen Lebensvorstellungen, und wir sollten dankbar sein, dass wir so vom Schicksal immer in Bewegung gehalten werden.

Wir müssen aber nicht unbedingt warten, bis uns das Schicksal Proben schickt. Wir können uns entscheiden, pro-aktiv und selbstständig an unserer positiven Veränderung zu arbeiten, uns also verwandeln, bevor es die Umstände tun. Wie ich schon früher sagte, gibt es viele Möglichkeiten, an sich selbst und der Aktivierung der eigenen Potenziale zu arbeiten - zum eigenen Wohl und zum Wohl seiner Mitmenschen. Was ich Ihnen in dieser und den nächsten Folgen vorschlagen möchte, ist, so zu leben, dass Sie "dem Geistigen Vorrang geben vor der Vergänglichkeit des Fleisches".

Für diesen geistigen Lebensstil brauchen wir natürlich einige Tipps oder "Regeln". Die kann man sich bei jenen Institutionen holen, die sich das geistige Leben zum Inhalt gemacht haben: religiöse Gemeinschaften und jede Art von Klöstern auf der ganzen Welt. Heute finden wir Zen-Klöster in Japan, buddhistische Klöster in Tibet, Ashrams in Indien, christliche Klöster im Abendland usw. Auch in der Vergangenheit der Menschheit kannten wir spirituelle Gemeinschaften: die der Mayas in Altamerika, die Tempelschulen der Ägypter, die Lebensgemeinschaft der Pythagoräer usw.

Alle diese Gemeinschaften - egal welchen Gott oder welche Götter sie verehrten oder welchen spirituellen Weg sie gingen und gehen -, haben eines gemeinsam: einen Lebensstil, in dem das Geistige im Mittelpunkt steht und sich alles andere darum herumrankt. Der Schwerpunkt des Lebens lag in der Betrachtung und der Meditation, im Gebet, im Studium und der Forschung, im Vollziehen bestimmter Rituale. All die anderen Dinge, die wir so wichtig nehmen und oft zum Zentrum unseres Lebens machen wie Essen, Kleidung, Besitz, äußeres Ansehen, waren völlig bedeutungslos.

Natürlich müssen wir keinen "klösterlichen" Lebensstil praktizieren. Aber wir können uns einige Anregungen holen, die sich durchaus im Alltag umsetzen lassen, mehr noch: den Alltag erleichtern.

Im Büchlein "Praktischer Okkultismus" von H. P. Blavatsky finden wir das Kapitel "Praktische Ratschläge für das tägliche Leben", welches für unsere Zwecke sehr gut geeignet ist. Es beginnt mit dem Anfang des Tages, dem Aufstehen, wo wir bereits die ersten Weichen für das Gelingen eines spirituellen Alltags stellen. Dieser Übergang vom Schlafen zum Wachen ist eine erste Probe für unseren Willen und unser Bewusstsein. Blavatsky schreibt:

"Steh zeitig auf sobald du erwachst, und bleibe nie halb wachend, halb träumend im Bette liegen."

Meist müssen wir sowieso ziemlich früh aufstehen, um in die Arbeit zu gehen. Wenn dann endlich das Wochenende kommt, ist jeder froh, sich ausschlafen zu können... Das soll auch so sein.

Worum es geht, ist, den Moment das Aufwachens bewusst und willentlich zu erleben und nicht passiv und faul im Bett herumzukugeln und zu dösen. Dies ist für die subtileren Ebenen unserer Psyche nicht sehr gesund, denn im halb wachen Zustand sind wir anfällig für negative und unreine Gedanken und Gefühle und ungute schlechte Stimmungen, die uns den Tagesanfang verdunkeln können.

Der Beginn eines Tages ist eine neue Geburt im Kleinen. Denken Sie an den Sonnenaufgang. Langsam, aber unerbittlich steigt die Sonne über den Horizont, und ihre Strahlkraft wird immer stärker. Sie kugelt nicht faul am Horizont hin und her und zieht sich die Wolken über den Kopf so wie wir die Bettdecke, um den Wecker nicht zu hören. Die Sonne steigt in die Höhe und erleuchtet die Welt. Nehmen wir uns dieses Bild als Beispiel. Setzen wir uns langsam, aber unerbittlich auf und machen wir uns klar, dass ein neuer, jungfräulicher Tag beginnt, einer, den wir so leben wollen, dass es auch unser letzter sein könnte, treu nach Marc Aurels Ausspruch: "Lebe jeden Tag so, als wäre es dein letzter!"

Vielleicht wollen Sie zum Tagesanfang innerlich ein kleines Gebet sprechen oder irgendeinen inspirierenden Satz lesen, ein Räucherstäbchen entzünden usw. In den Klöstern wurde direkt nach dem Aufstehen gebetet (wenn man nicht in der Nacht mehrmals nur zum Beten aufstand), in Ägypten oder anderen Tempelschulen führte man Morgenrituale, z.B. Opferung von Räucherwerk für die Sonne, durch. In Tibet werden Gongs geschlagen oder Muschelhörner oder Trompeten zum Erklingen gebracht:

Ein neuer Tag ist angebrochen, die Dunkelheit besiegt, es wurde wieder Licht!

Viele gute Morgen wünscht Ihnen

Gudrun Gutdeutsch  

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